Die Präsenz einer Illusion (2006)

Gilles Dauvé et Karl Nesic
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Was ist verkehrt an Religion

Nicht jeder Gläubige ist Konformist. In seinem Freigeist, seiner Rebellion, seinem Widerstand (etwa gegen Krieg) mag er manchen Atheisten übertreffen. Dennoch ist Religion gleichbedeutend mitsozialer Anpassung, weil ihr grundlegendes Prinzip in der Trennung zwischen dem irdischen „Hier und Jetzt" und dem überirdischen „Danach" besteht, welches die irdische Welt erschaffen hat und dieser übergeordnet erscheint. Religiöses Denken (und folglich Handeln) ist dualistisch: es basiert aufder Trennung von Körper und Seele, von Materie und Geist, und diese Trennung begünstigt stets dasjeweils letzte gegenüber dem ersten. Was immer ein Gläubiger tut um diese Welt zu ändern - für ihnwird es immer eine andere, übergeordnete Welt geben. Geschichte, Leben, wie wir es täglich hier undjetzt erfahren, wiegt für ihn weniger als das Jenseitige außerhalb der Alltagswelt. Wenn also ein religiöser Mensch gegen Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung kämpft, so handelt er in einerWirklichkeit, die ein geringwertigerer Teil seiner gesamten Wirklichkeit ist. Er kann (und muss) dieGeschichte der Menschheit nur als Nebenhandlung in einer viel bedeutenderen Geschichte betrach­ten, die weit über den Menschen hinausgeht, weil sie verbunden und abhängig ist von etwas, das weitüber alle Menschen hinausgeht und ewig regiert. Ein Christ kann beispielsweise dem SpanischenBürgerkrieg nicht die gleiche Bedeutung beimessen wie dem Evangelium. Er wird sagen, beides seivöllig unter-schiedlich, doch letztendlich ist für ihn nur das Evangelium bedeutsam. Was ist die Geringfügigkeit des täglichen Lebens gegen die Unendlichkeit? Das Absolute relativiert alles oder eshört auf, das Absolute zu sein. Demzufolge haben Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung individuelle, moralische, in der Naturder Menschen tief verankerte Gründe; und jede Veränderung, die wir durchsetzen wollen, muss in den„Herzen" der Menschen beginnen.Nur wenige Juden, Christen oder Moslems nehmen den Mythos des Sündenfalls von Adam und Evawörtlich, doch so ein Gleichnis induziert den Glauben daran, dass „etwas" uns verleitet Böses zu tun, unsere Mitmenschen beherrschen und auszunutzen zu wollen, und dass der Weg der Menschheit aufeinem fundamentalen Fehler beruht, den weder Evolution noch Revolution beheben können. Die Menschen glauben an den Sündenfall nicht auf die gleiche Weise wie sie z.b. keinen Zweifel ander Existenz von Pyramiden hegen würden. Vielmehr wird ihr Denken durch den Mythos strukturiert.Wenn wir bedenken, dass Legenden immer einen Beitrag leisten zur Herausbildung eines bewussten und unbewussten kollektiven Weltbildes, welches stets eine Rolle in unserem Leben spielt, dann müssen wir eingestehen, dass eine so weit reichende und so breit bekannte Fabel wie die der Schöpfungsgeschichte eine besonders große Rolle spielt. Auch im Leben derjenigen, die noch nieeine Bibel in der Hand hatten. Historische Beispiele von Massakern und Grausamkeiten bestätigensomit nur, was der eigentliche Mythos symbolisiert.Selbst wenn Religion - wie schon oft geschehen -Revolten vorantreibt, so doch immer unter der Prämisse, dass Ausbeutung und Unterdrückung gemildert aber nicht abgeschafft werden können.Keine Kirche kann je eine Kirche der Ausgebeuteten und Unterdrückten sein, weil sie immer dieKirche aller bleibt, reich oder arm. Natürlich hat die Geschichte unzählige religiöse Schulen hervorgebracht, die auf historische Veränderungen abzielten, von den Taoisten in China bis zu den Wiedertäufern der Renaissance. Abersie waren alle Dissidenten, Ketzer. Die kirchlichen Institutionen haben sich immer auf die Seite der Reichen und Mächtigen gestellt, um Rebellen zu verleumden und zu vernichten. Als Bauernarmeendie Herrschaft der Großgrundbesitzer bedrohten, hatten die Gründer des Protestantismus keine Skrupel, die sofortige Zerschlagung dieser Rebellion einzufordern. Diejenigen die eine Religiongründen, wollen die Welt nicht radikal verändern, sie wollen sich in ihr einrichten im Lichte eineranderen Welt. Und so finden sie sich ab mit ihrer Zeit. Z. B. stellte bis zum 17. Jh. kaum eine religiöseStrömung die Sklaverei grundsätzlich in Frage, lediglich im 18. Jh. wurde diese von Quäkern undeinigen wenigen protestantischen Abweichlern angeprangert.

Warum Vernunft nicht ausreicht

Das Wesen religiöser Anschauungen besteht darin, den Glauben über die Vernunft zu stellen. DasGöttliche kann wohl begründet werden, aber zuerst muss man daran glauben. Dessen Anwesenheitwird eher gefühlt als verstanden. Kein Theologe glaubt an Gott, weil er Bücher über Gott liest, er liestund schreibt über Gott, weil er gläubig ist. Also beginnt die Kritik der Religion mit der Idee, dass für dieMenschen keine Notwendigkeit besteht, sich im Angesicht des (unvermeidlich) Unbekannten undUnverständlichen aufzugeben und dieses von unserer Welt zu lösen und in eine andere Dimension zuversetzen, die wir nie ergründen können.Der Rationalismus indes konnte als Waffe nur in einer bürgerlich-demokratischen Revolution dienen. Rationalismus besteht jedoch nicht aus dem (notwendigen) Gebrauch des Verstandes, sondern beruht auf dem Glauben, dass alles Übel und Unglück aus mangelndem Wissen oder fehlerhafterBeurteilung entsteht. Er stellt der Autorität das private Denken entgegen: um die Unterdrückung zustürzen, müssen wir mit der Entthronung der herrschenden Ideenwelt beginnen und wir verfügen überdie Mittel dafür, unsere eigene persönliche intellektuelle Kraft, mit der jeder Mensch gleichermaßenausgestattet ist. Der Verstand kommt zuerst: die Vorrangstellung der Bildung wird ab da zur ultimativtreibenden Kraft der Geschichte. Der Rationalismus vermag das Verkehrte der Religion herauszustellen, aber er wird niemals dasgemeinschaftliche, soziale Phänomen, das Religion darstellt, erfassen können. Der Appell derVernunft an den Verstand berücksichtigt nicht, dass die menschliche Beschaffenheit Verstand und Phantasie umfasst. Das Begehren nach Überirdischen entspringt jedoch nicht einer ausufernden,sondern einer beschränkten Vorstellungskraft, geformt durch Jahrtausende der Unterdrückung undAusbeutung: das Unvermögen, auf Erden frei zu sein, treibt die Menschen dazu, Freiheit außerhalbihrer Welt anzusiedeln. Träume und Wünsche sind in unserer Welt Zwangsvertrieben, so wie Adamund Eva aus dem Paradies vertrieben wurden. Das ist der Stoff, aus dem Religion gemacht ist.

Von der Religion als totalem gesellschaftlichen Handeln zur Religion als Privatangelegenheit

Im Kern besteht also religiöse Haltung in der Unterscheidung zweier Welten. Außerhalb (darüber/darunter) der Welt, die wir kennen. Der natürlichen, sichtbaren, vergänglichen und all­täglichen Welt, die wir mit unseren Sinnen spüren, postuliert Religion die Existenz einer anderen,über-, oder außernatürlichen, unsichtbaren ewigen Welt, die unsere Sinne nicht erfassen kann, unddie tiefer liegt als die täglich erfahrbare Realität. Die erste Welt wird bestimmt durch die zweite undhängt von ihr ab. Das Problem für den Menschen besteht nun darin, Wege und Übergänge zwischenden beiden zu finden, ohne Gefangener einer der Welten zu werden: wie es Orpheus widerfuhr - dieUnterwelt betritt man auf eigene Gefahr. Diese Definition hat wohl den Vorzug, Religion in ihrerAllgemeinheit zu erfassen, aber zugleich den Mangel, von allen ihren Spielarten zu abstrahieren.In den überlieferten Gesellschaften der Nord-amerikanischen Indianer, in Afrika, auf den pazifischenInseln, im Asien der Schamanen stimmt die „andere" mit unserer Welt überein. Die beiden kommunizieren nicht, sie sind deckungsgleich. Das Göttliche ist allgegenwärtig und verbindet Menschen, Tiere, Bäume, Quellen, Steine und Erde aktiv miteinander. Der Mensch ist Teil einer Gesamtheit lebendiger Kräfte und sieht keine Trennung zwischen Belebtem und Unbelebtem. Alles hat einen Animus (eine „Seele"). Religion für sich gibt es nicht, sondern sie ist ein alles umfassendes,soziales Phänomen. Es ist hier schwierig, zwischen einer Stufe von Realität, welche transzendent,und einer Stufe, die immanent ist zu unterscheiden, da die Transzendenz allgegenwärtig und aktiv injedem einzelnen Lebewesen und Ding ist, so dass sie ebenso immanent erscheint.Auf der anderen Seite des religiösen Spektrums beinhaltet der Monotheismus die Möglichkeit einerentscheidenden Kluft zwischen transzendent und immanent, sakral und profan. Das Göttliche ist nichtmehr in allem, sondern ist autonom, und personifiziert sich in einem Gott, der ein Wesen ist, einePerson außerhalb aller weltlichen Realitäten. Im Gegensatz zu den überwundenen Gesellschaftsformen und zur islamischen Welt hat die historische Entwicklung in Europa (und in seiner nordamerikanischen Projektion), welche die Wiegedes Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie darstellen, die Religion vom Rest der Gesellschaft getrennt, ebenso wie sie in großem Maß die Verbindungen zwischen Individuum und familiärer Gemeinschaft auflöste. Stück für Stück, durch blutige Konflikte hindurch, konnte sich die Religion daher von ihren sozialen und gesellschaftlichen Praktiken lösen, um zu einer persönlichen Überzeugung und privaten Angelegenheit zu werden.

Der Atheismus hatte unter den amerikanischen Ureinwohnern der Great Plains keine Bedeutung,ebenso wie er im Athen des 5. Jh. vor Christi eine Ausnahmeerscheinung bleibt. Er ist gezwungen, imheutigen Teheran klandestin zu existieren, in einer kleinen Stadt des mittleren Westen in den USA gibtes ihn nur diskret, obwohl er dort einen anderen Status und eine andere Funktion hat als in den vorher erwähnten Orten und Epochen. Die Religion kann dem Leben der Bewohner des Bible-Belts,die jeden Sonntag zu Gottesdiensten, Taufen, Konfirmationen, Beerdigungen und Hochzeiten in dieKirche pilgern, zwar einen Halt geben, aber sie organisiert nicht das Leben. Beispielsweise hat dortkein religiöses Ereignis einen solchen sozialen Einfluss auf die Gesellschaft wie etwa der Ramadan.Im Westen löste sich die Philosophie all-mählich immer mehr von den Wissenschaften und ihrenkonkreten Anwendungen. Es entstand eine Art abstraktes Wissen, welches sich von seinem weltlichen, praktischen Ursprung abhob. (Auch wenn diese beiden Aspekte tatsächlich zusammengehören und in ihrer Kombination ein wesentlicher Bestandteil bei der Eroberung der Weltdurch die Europäer darstellten). Im 18ten und 19ten Jh. begann man in Westeuropa, zwischen dernachweisbaren (bzw. nicht nachweisbaren) historischen Figur des Jesus Christus -über die ebenso wie über Julius Cäsar oder Johanna von Orleans diskutiert werden konnte -und der göttlichen Figur,des Propheten der Offenbarung, zu unterscheiden. Christliche und atheistische Historiker untersuchten die Bibel und kamen zu dem gemeinsamen Schluss, dass sie von menschlicher Handgeschrieben worden ist (wenn auch in den Augen der Gläubigen unter göttlicher Inspiration). In derzweiten Hälfte des 19ten Jh. taten jüdische Gelehrte, viele unter ihnen Deutsche, dasselbe in bezugauf das Alte Testament. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem aufgeschlossene Christennicht mal mehr von der Möglichkeit geschockt sind, dass Jesus evt. eine Frau und Kinder hatte. Fürsie ist dies kein Grund, den göttlichen Ursprung und die Botschaft der Bibel in Frage zu stellen. Diesist nur in einer Gesellschaft möglich, in der Religion zwar einen Einfluss ausübt, das soziale Lebenjedoch nicht mehr gestaltet, und in der öffentliches und privates Leben voneinander getrennt sind. Sokann auch eine Trennung des in der Gedankenwelt des Gläubigen zwischen weltlich und heilig,zwischen Fakten und Glauben, zwischen Geschichte und Mythos, existieren.

„Der Staat kann sich also von der Religion emanzipiert haben, sogar wenn die über-wiegendeMehrzahl noch religiös ist. Und die überwiegende Mehrzahl hört dadurch nicht auf, religiös zu sein, dasie privatim religiös ist. (...) Der Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion, indem er sie ausdem öffentlichen Recht in das Privatrecht verbannt." (...) „Die unendliche Zersplitterung der Religion inNordamerika z.B. gibt ihr schon äußerlich die Form einer rein individuellen Angelegenheit."1

In großen Teilen der sog. islamischen Welt, konnten die Menschen diese Erfahrungen jedoch nochnicht machen. Dies hat aber nichts mit den Inhalten des Islams an sich zu tun. Es gibt viele rückständige Merkmale sowohl in der Bibel wie auch im Koran, und im 12ten Jh. gab es wahrscheinlich mehr kritische Geister in Damaskus und Cordova als in Bologna und Oxford. Westeuropas „Überlegenheit" stellt sich nur durch die Vereinnahmung sämtlicher verwertbarer Elemente anderen Kulturen her, welche mit Hilfe des Rationalismus und des Geldwertes integriert,bzw. assimiliert werden konnten. Dies kann nur geschehen, wenn Warenproduktion und technischerFortschritt stark und integrativ genug sind, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, und eine Formdes Nationalstaates bilden, welcher die Religion als verbindende Kraft nicht braucht.

Der perfekte christliche Staat ist der atheistische Staat, der demokratische Staat

Marx zitierte einst G. de Beaumont, welcher 1835 schrieb: „In den Vereinigten Staaten gibt es wedereine Staatsreligion, noch eine offizielle Religion der Mehrheit, noch den Vorrang eines Kults über denanderen. Der Staat befasst sich mit keinem der Kulte." („Marie oder die Sklaverei in den VereinigtenStaaten etc." von G. de Beaumont, Paris 1835, S.214.) Ja, es gibt einige nordamerikanische Staaten, wo „die Verfassung keinerlei religiösen Glauben oder die Ausübung eines bestimmten Kults zur Bedingung politischer Privilegien macht" (ebenda, S. 225). Dennoch „glaubt man in den VereinigtenStaaten nicht, dass ein Mensch ohne Religion ein anständiger Mensch sein könnte" (ebenda, S. 224).Dies kommentierte Marx wie folgt: „Dennoch ist Nordamerika vorzugsweise das Land der Religiosität, wie Beaumont, Tocqueville und der Engländer Hamilton aus einem Munde versichern. Die nordamerikanischen Staaten gelten uns indes nur als Beispiel. Die Frage ist: Wie verhält sich die vollendete politische Emanzipation zur Religion? Finden wir selbst im Lande der vollendeten politischen Emanzipation nicht nur die Existenz, sondern die lebensfrische, die lebenskräftige Existenz" 2 Es gibt einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen Christentum und Demokratie, denn durchden freien Bürger setzt der un-religiöse Staat das christliche Ideal der Souveränität der Seele um. DieBotschaft Jesu betrifft jeden Menschen, ob griechisch, jüdisch oder römisch, Sklave oder Patriarch.Ebenso hat jeder Bürger, ob reich oder arm, die gleichen Rechte wie sein Nachbar. Soziale

1 Karl Marx, „Zur Judenfrage", MEW Band 1, S. 356 2 ebenda, S.352

Ungleichheit endet vor den Toren der politischen Versammlung, welche eine Gemeinschaft von Gleichgestellten ist: „Ein Mensch, eine Stimme". Niemand muss Ländereien besitzen oder eine bestimmte Summe an Wahlsteuern bezahlen, um eine Stimme in der Verhandlung von öffentlichenAngelegenheiten zu bekommen. Privatbesitz existiert auf sozialer, nicht aber auf politischer Ebene.Nach dem Evangelium erhält jedes Individuum eine Seele von Gott, die ihn auf gleiche Höhe mit allenanderen stellt, und zwar ohne eine bestimmte Unterscheidung von besonderen Menschen wie z.b. imJudentum. Jeder Mensch kann Christ werden, erlöst werden. Das Christentum stellt eine Gleichheit außerhalb der Reichweite aller sozialen Beziehungen her - ebenso wie die Demokratie, die jedemBürger, und zwar nur ihm, die gleichen Rechte zugesteht. Doch auch der demokratischste Staat wirddie Klassentrennung nicht los, ebenso wenig wie die brüderlichste christliche Gemeinde. Selbstverständlich sind Gläubige dazu aufgerufen, sich untereinander zu helfen, dadurch werden dieWurzeln der Ungleichheit jedoch nicht angetastet. Die christliche Überzeugung soll hauptsächlich spirituell gelebt werden, und demokratische Brüderlichkeit soll lediglich auf politischer Ebene existieren.

„Die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur Religion wird für uns die Frage vondem Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation.(...) indem er sich politisch befreit... befreit... sich... der Mensch auf einem Umweg, durch ein Medium, wenn auch durchein notwendiges Medium. (...)der Mensch, selbst wenn er durch die Vermittlung des Staats sich alsAtheisten proklamiert, d.h., wenn er den Staat zum Atheisten proklamiert, immer noch religiösbefangen bleibt, eben weil er sich nur auf einem Umweg, weil er nur durch ein Medium sich selbstanerkennt. Die Religion ist eben die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg. Durch einen Mittler. Der Staat ist der Mittler zwischen dem Menschen und der Freiheit des Menschen. Wie Christus der Mittler ist, dem der Mensch seine ganze Göttlichkeit, seine ganze religiöse Befangenheitaufbürdet, so ist der Staat der Mittler, in den er seine ganze Ungöttlichkeit, seine ganze menschlicheUnbefangenheit verlegt." (...)„Der vollendete politische Staat ist seinem Wesen nach das Gattungsleben des Menschen im Gegensatz zu seinem materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoistischen Lebens bleibenaußerhalb der Staatssphäre in der bürgerlichen Gesellschaft bestehen, aber als Eigenschaften derbürgerlichen Gesellschaft. Wo der politische Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt derMensch nicht nur im Gedanken, im Bewusstsein, sondern in der Wirklichkeit, im Leben ein doppeltes,ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben im politischen Gemeinwesen, worin er sich alsGemeinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist,die andern Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielballfremder Mächte wird. Der politische Staat verhält sich ebenso spiritualistisch zur bürgerlichenGesellschaft wie der Himmel zur Erde. Er steht in demselben Gegensatz zu ihr, er überwindet sie inderselben Weise wie die Religion die Beschränktheit der profanen Welt, d.h., indem er sie ebenfallswieder anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr beherrschen lassen muss. Der Mensch in seiner nächsten Wirklichkeit, in der bürgerlichen Gesellschaft, ist ein profanes Wesen." (...) „In dem Staatdagegen, wo der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied einer eingebildetenSouveränität, ist er seines wirklichen individuellen Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemeinheit erfüllt." (...)3

Natürlich kann und muss der Staat, in Zeiten, in denen er politisch als solcher gewaltsam aus derZivilgesellschaft hervorgeht, in denen Menschen durch politische Befreiung ihre eigene Befreiunganstreben, so weit gehen, die Religion abzuschaffen und zu zerstören. Dies kann der Staat nur tun,indem er ebenso verkehrt wie mit der Abschaffung des Privatbesitzes, maximal mit Konfiszierung odermit fortschrittlicher Besteuerung, ebenso wie er soweit geht, Leben mit der Guillotine abzuschaffen. InZeiten von besonderer Selbstsicherheit versucht die Politik ihre Grundvoraussetzung, die bürgerlicheGesellschaft und die Elemente, die eine wirkliche Gemeinschaft ausmachen, zu unterdrücken und sich selbst als tatsächliche Lebensform des Menschen darzustellen, trotz aller Widersprüche. Dies kanndie Politik jedoch nur erreichen, wenn sie in gewaltige Widersprüche zu ihren eigenenLebensbedingungen kommt, wenn sie die Revolution als dauerhaft erklärt. Daher endet das politischeDrama der bürgerlichen Gesellschaft stets mit einer Wiedereinführung von Religion, Privatbesitz undallen Elementen einer bürgerlichen Gesellschaft, ganz so wie Krieg mit Frieden endet.

„Ja, nicht der sogenannte christliche Staat, der das Christentum als seine Grundlage, als Staatsreligion bekennt und sich daher aus-schließend zu andern Religionen verhält, ist der vollendetechristliche Staat, sondern vielmehr der atheistische Staat, der demokratische Staat, der Staat, der die Religion unter die übrigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft verweist."(...) „Der demokratischeStaat, der wirkliche Staat, bedarf nicht der Religion zu seiner politischen Vervollständigung. Er kannvielmehr von der Religion abstrahieren, weil in ihm die menschliche Grundlage der Religion auf

3Vgl. Karl Marx, „Zur Judenfrage", MEW Band 1, S. 349ff

weltliche Weise ausgeführt ist."(...) „Nicht das Christentum, sondern der menschliche Grund des Christentums ist der Grund dieses Staates....Der sogenannte christliche Staat ist nur einfach derNichtstaat, weil nicht das Christentum als Religion, sondern nur der menschliche Hintergrund derchristlichen Religion in wirklich menschlichen Schöpfungen sich ausführen kann." (...) „Christlich ist die politische Demokratie, indem in ihr der Mensch, nicht nur ein Mensch, sondern jeder Mensch, alssouveränes, als höchstes Wesen gilt, aber der Mensch in seiner unkultivierten, unsozialen Erscheinung, der Mensch in seiner zufälligen Existenz, der Mensch, wie er geht und steht, der Mensch, wie er durch die ganze Organisation unserer Gesellschaft verdorben, sich selbst verloren,veräußert, unter die Herrschaft unmenschlicher Verhältnisse und Elemente gegeben ist, mit einemWort, der Mensch, der noch kein wirkliches Gattungswesen ist. Das Phantasiegebilde, der Traum, dasPostulat des Christentums, die Souveränität des Menschen, aber als eines fremden, von dem wirklichen Menschen unterschiedenen Wesens, ist in der Demokratie sinnliche Wirklichkeit, Gegenwart, weltliche Maxime."(...)„Das religiöse Bewusstsein schwelgt in dem Reichtum des religiösen Gegensatzes und der religiösen Mannigfaltigkeit."(...) „Wir haben also gezeigt: Die politischeEmanzipation von der Religion lässt die Religion bestehen, wenn auch keine privilegierte Religion. DerWiderspruch, in welchem sich der Anhänger einer besondern Religion mit seinem Staatsbürgertumbefindet, ist nur ein Teil des allgemeinen weltlichen Widerspruchs zwischen dem politischen Staat undder bürgerlichen Gesellschaft. Die Vollendung des christlichen Staats ist der Staat, der sich als Staatbekennt und von der Religion seiner Glieder abstrahiert. Die Emanzipation des Staats von der Religion ist nicht die Emanzipation des wirklichen Menschen von der Religion." (...) "Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individuellerMensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine »forces propres« |»eigeneKräfte«| als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraftnicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht." (...)4

Von Voltaire zu „New Age"

Weder die Bourgeoisie als Klasse noch der Kapitalismus als System sind der Religion oder sogar derKirche freundlich gesinnt. Die Bourgeoisie stellte sich der Religion entgegen und die Religion stand ihrgleichzeitig im Weg. Anders als bisherige Systeme umfasst der Kapitalismus keine Menge an Werten,auf denen er basiert und die er verteidigt. Es geht ihm nur um die Freiheit des Kaufens, Verkaufensund Produzierens, was wiederum ein Mindestmaß an persönlicher Freiheit voraussetzt, da das System sonst nicht funktioniert. (Wir erinnern uns daran, dass die Ökonomie der UdSSR und des gesamten „Ostblocks" bereits Jahrzehnte vor ihrem Zerfall nicht mehr funktionierte, dass der Rassismus der Nazis bedeutende Wissenschaftler in die Immigration nach England oder den USA zwang, wo sie Deutschlands wirtschaftliche und militärische Feinde stärkten.) Technische und produktive Funktionsfähigkeit setzen einen gewissen freien Lauf von Ideen voraus. KapitalistischeIdeologie, egal ob sie von der Elite oder von der Arbeiterklasse getragen wird, bleibt in erster LiniePragmatismus. In Frankreich, Italien und Spanien war die aufkommende Bourgeoisie dazu gezwungen, sich gegen die Kirche zu stellen, da der Katholizismus lange Zeit ein standhafter Gegnerdes Fortschritts von Handel und Industrie war. In Nordeuropa und in den Vereinigten Staaten war undist der Protestantismus immer noch einflussreich, ohne nach temporärer Macht zu trachten. DieserUnterschied liegt nicht in der „bourgeoisen" Art der Doktrinen von Luther und Calvin, welche verzinsteKredite, das Sparen, die Arbeitsmoral, individuelle Initiative und freien Willen statt Ausgaben, Luxusund überflüssigen Feiertagen, die den Alltag vor der industriellen Revolution bestimmten, bevorzugen.Der essentielle Unterschied ist ein historischer. Die englische demokratische Revolution im 17. Jh.fand im Interesse der protestantischen Version (Puritanismus) gegen eine andere (Anglikanismus)statt und endete mit einem Kompromiss zwischen der aufsteigenden Handelsklasse und der Klasseder Landeigentümer. Trotz starker Einmischungen von Seiten der Massen, trotz energischer Bemühungen der „Levellers" und der „Diggers", behielt Cromwell den gesamten Vorgang unter Kontrolle. Im Gegensatz dazu führten unnachgiebiger Druck und Ausbrüche des einfachen Volkes nach 1789immer wieder dazu, dass Befürworter der Französischen Revolution über ihre ursprünglichen Zieleund Grenzen hinaus gedrängt wurden und trieb sie in eine anti-religiöse und antigeistliche Richtung.Das Bürgertum verlor seine politische Führungsposition zweimal, einmal an eine Sans-culottes-Diktatur der unteren Mittelklasse zwischen 1793 und 1794 und ein anderes Mal an ein autoritäres Regime nach 1799. Das 19te Jh. hindurch, bis zum Beginn des 20ten Jh., nahmen politische Konfliktedie Form und das Aussehen eines Wettkampfes zwischen der Republik, unterstützt durch das Bürgertum und der unteren Klassen einerseits, und den prä-kapitalistischen Klassen in Verbindung mit

4Vgl. Karl Marx, „Zur Judenfrage", MEW Band 1, S. 349ff

dem Klerus, andererseits an. Es dauerte ein Jahr-hundert, bis der Katholizismus sich mit der bürgerlichen Gesellschaft und der parlamentarischen Demokratie einigte. Der Zwischenfall von Vichyzeigt, dass der Konflikt selbst im Jahr 1940 nicht endgültig gelöst war.Nichtsdestoweniger war die Aufklärung selbst in Frankreich fern davon, unreligiös oder gar antireligiöszu sein. Rousseau und Voltaire waren Gottgläubige, Diderot war nur in Bezug auf sein Schreiben einMaterialist (seine 1749 verfassten Briefe über die Blinden, welche ihn für vier Monate ins Gefängnisbrachten). Nur ein kleiner Teil aller bekannteren Philosophen (Helvetius, d'Holbach) lehnten jeglicheGöttlichkeit ab und Robespierre erklärte den Atheismus später als „aristokratisch". Zu Zeiten des Terrorregime unter James I. wurden Priester, die sich weigerten, einen Loyalitätsschwur auf dasRegime zu leisten, gejagt und geköpft. Dies trug jedoch nur zur Kurzlebigkeit der offiziellen Verehrung eines unbestimmten „höheren Wesens" (Voltaire) bei.Eine Ausnahme stellt hier de Sades entschiedene Anti-Gott-Einstellung dar. Ebenso wie die Einstellung Jean Mesliers, ein Pfarrer in den Ardennes, welcher bis zu seinem Tod für seine Respektlosigkeit gegenüber den örtlichen Großgrundbesitzern bekannt war. Er hinterließ nach seinemTod im Jahr 1729 ein „Testament", welches eines der schlagkräftigsten, atheistischen und kommunistischen Stellungnahmen bleibt, die je geschrieben worden sind, und in dem oft die Formulierung aufgegriffen wird, dass die Menschheit nur frei sein könne, wenn „alle Großen der Welt, alle Noblen, gehängt würden und mit den Eingeweiden der Priester erwürgt würden". Der berüchtigteMarquis und der zurückgezogene Pfarrer, abgeschiedene Autoren, von der Mitte der Gesellschaftabgeschnitten, waren auf ähnliche weise wütend und empört. De Sade verbrachte ein Drittel seinesLebens im Gefängnis. Meslier führte ein Leben im Verborgenen, er blieb Gefangener seiner sozialenFunktion, an die er schon lange nicht mehr glaubte.Anders als de Sade und Meslier glaubten fast alle Philosophen und politischen Anführer, die gegenden Aberglauben und die weltliche Macht aus Rom kämpften, dass ein gewisses Maß an Glauben garnicht so schlecht für das Volk sei. Der Glaube an einen Übermenschen würde die Masse dazu bewegen, auch menschlichen Autoritäten zu gehorchen. Die Republik kämpfte gegen die Kirche, weiles ein Hindernis auf dem Weg zur bürgerlichen Demokratie zu sein schien, später jedoch wurde sieals stabilisierender Faktor gepriesen. Freimaurerische Politiker ernannten den Heiligen Michael alsSchutzpatron der französischen Soldaten (gleich dem heiligen Georg in England).Die gegenwärtige Rolle, die der islamistische Fundamentalismus in globalen Angelegenheiten spielt,lässt uns leicht vergessen, dass in einer sehr große Anzahl von Ländern Religion in die Politik und inden Alltag eindringt. Ein Freidenker z.b. würde gewiss seine Schwierigkeiten haben in Polen, Bosnien,Kroatien oder Serbien an die Spitze zu kommen. Das traditionelle Bündnis zwischen Staat und Kirchebesteht immer noch in Griechenland und Russland. Eine so reiche und moderne Region wie Bombaywird gegenwärtig von hinduistischen Fundamentalisten regiert. In den israelischen landesweiten Wahlen von 1999 erhielt die Arbeiterpartei (als Israel One neubenannt um die sozialistische Konnotation abzulegen) 26 Parlamentssitze, die Likud Partei 19 und die drei religiösen Parteienzusammen 27 (davon 17 Sitze allein für die größte Partei). In den meisten Staaten der USA hat ein agnostischer Mensch die gleichen Rechte wie jeder andere, vorausgesetzt er bleibt still, und ein ganzund gar Ungläubiger hätte kaum Chancen Abgeordneter oder gar Präsident zu werden. Italiener mussten bis 1974 warten, um sich legal scheiden lassen zu können. In Dänemark hat das Luthertumeinen offiziellen Status, seine Priester werden vom Staat bezahlt und Religionsunterricht ist in Schulenverpflichtend. Dieselbe Zeitung, die einen Skandal mit der Veröffentlichung von Karikaturen über denIslam auslöste, weigerte sich einige Jahre zuvor, eine Zeichnung zu veröffentlichen, in denen dieDornen im Kranze Jesu Christi Bomben darstellten, die kurz davor waren, auf eine Abtreibungsklinikzu fallen. Eine weitläufige Meinung ist es, dass in aufgeschlossenen Ländern mit Bildung die religiösen Institutionen zwar eine spirituelle Macht behalten, die weltliche Macht jedoch den gewähltenRegierungen überlässt. (Im Gegensatz zu Saudi-Arabien zum Beispiel). Die vergangenen fünfzig Jahre bestätigen dieses Bild jedoch nicht. 1964 führte die buddhistische Gruppierung Soka Gakkai inJapan eine Partei ein, die Komeito-Partei, welche in landesweiten Wahlen gar nicht schlecht abschnittund bis heute Partner in Regierungskoalitionen ist. Christliche Lobbys lasteten schwer auf Eisenhowerund Kennedy, der es für weise hielt, im Wahlkampf 1960 im Fernsehen zu seinem KatholizismusStellung zu nehmen. In manchen Bundesstaaten der USA muss sowohl die Evolution als auch dieSchöpfung (in ihrer tradierten Form der Intelligent-Design-Theorie) unterrichtet werden. 1988 wurdendie „Satanischen Verse" nicht nur unter muslimisch inspirierten Regierungen verbannt, sondern auchin Indien und Südafrika. Millionen von Polen hören täglich Radio Marya, ein geistlicher Radiosender,der anti-freimaurerische und anti-semitische Programme sendet, von denen wir dachten, dass sie dortseit 1945 verschwunden wären. Ein enger Mitarbeiter dieses Senders ist mittlerweile Bildungsminister.Der Vatikan bringt immer noch Menschenmassen dazu, in Italien gegen die homosexuelle Ehe zudemonstrieren und in Spanien gegen die Säkularisierung der Schulen (mit freiwilligemReligionsunterricht). Im Namen des Anti-Rassismus und der Integration der Menschen aus Nord-undZentralafrika (von denen kaum einer auch nur annähernd Muslim ist oder sein will) sind französische Schulen dem Ramadan recht offen gegenüber: Für sie ist es eine Gelegenheit, eine schöne Zeit zuhaben und nicht etwa eine Tradition, die eine Religion und all ihre Konsequenzen auslebt. Der Lehrerlobt mit guten Absichten das für ihn von algerischen Schulmädchen selbstgebackene Ramadan-Gebäck und beklagt ihre untergeordnete Stellung, ohne irgendeinen Zusammenhang zwischen beidem zu sehen. Voltaire zufolge sind Religion und Toleranz Gegensätze. Heute ist die Religion im Namen der Toleranz akzeptiert und es ist sogar modern, Jesus als eine Art Menschenrechtsheld darzustellenoder die ökologischen Werte des Buddhismus zu loben, die Spiritualität des Sufismus und die utopistischen Verdienste des jüdischen Mythos. Die meisten Freigeister des 21. Jh. halten die Wissenschaft gegenüber dem Glauben nicht mehr für überlegen. Statt am rationalen Geist festzuhalten, betonen sie die (allzu offensichtlichen) Schwächen der Vernunft. Die Aussage, dass der Tod nur ein ewiger traumloser Schlaf ist, wird von ihnen nicht mehr vehement angefochten, sondernsie zitieren ein halbes Dutzend Nobelpreisträger, die sich dessen auch nicht so sicher sind. Vor einigen Jahrhunderten untergruben Lektionen über Relativität (wie etwa Gullivers Reisen) Vorurteile und Autorität: Sie tragen nun dazu bei, die Realität anzuzweifeln. Die Vernunft trennte einst bewiesene Fakten von Illusion, nun sind Vernunft und Illusion miteinander verschmolzen und die (sehrwahre) Idee, dass es keine ultimative Wahrheit gibt, dient dazu, dass das Konzept von Wahrheitüberhaupt auseinander bricht. Die modernen New-Age-Theorien haben dabei den Vorteil, dass sie jegliche Doktrin oder Datenmengen oder Ideen integrieren und keine zurückweisen, was ein Verhandeln und Streiten schmerzlos und überflüssig macht.

Do-it-yourself-Religion

Heutzutage hat Konsum von Kult viel gemeinsam mit Konsum von Kultur. Der moderne Mensch klammert sich nicht mehr an eine einzige Marke, also weg mit rigiden Doktrinen. Ist es nicht ganz egal, ob es tatsächlich Jesus' Fleisch und Blut ist, das bei der Sonntagsmesse gereicht wird, solangeein Gemeinschaftsgefühl entsteht? Der moderne Mensch liebt die Kombination, warum also nichtChristentum mit ein paar tantrischen Elementen würzen? Er hört ganz einfach „Weltmusik", steht aufMulti-Kulti und richtet seine Behausung nach den kosmischen Energien und Erdströmen des FengShui ein. Eigentlich pflegt er keinen wahren Glauben an einen christlichen Gott, an Tantra oder anFeng Shui. Er sucht sich immer das heraus, womit er sich wohl fühlt, was für ihn beruhigend undwohltuend ist. Für ihn spielt es keine Rolle, ob der „Bio-Rhythmus" eine wissenschaftliche (und daherakzeptable) Form von Aberglauben ist. Solange er sich an Religion selbst bedienen darf, ist es ihmegal. Aus der Vorschrift der Bibel ist für ihn ein Babel verschiedener Götter geworden. Daher auch dieBeliebtheit des Zen, welcher frei von jeglichen Glaubensbekenntnissen zu sein scheint und auf demPrinzip der Widerspruchslosigkeit basiert: Materie ist Nichts, Herrscher ist Diener, Glaube ist Unglaube, Wissen ist Unwissen, Reichtum ist Armut...Inkonstanten Paradoxen kann man nicht widersprechen. Es hat keinen Sinn Geschichte, unter einer Doktrin die Geschichte abstreitet, zu diskutieren.

Sanfte und harte Religion

Gläubige Menschen teilen nur, was gleichermaßen von ihnen selbst und außerhalb des Hier und Jetzterlebt wurde. Nun scheinen sie eine Gemeinschaft des Unmittelbaren, wo Geschwindigkeit ein Ersatzfür Inhalt ist, zu bevorzugen. Der Kampf gegen die Zeit stand immer im Zentrum des Kapitalismus,welcher versucht Ware zu produzieren, in Umlauf zu bringen und zu verkaufen - also Arbeiter arbeitenund Konsumenten konsumieren zu lassen und zwar in der kurzmöglichsten Zeit.Aber diese Tendenz wird noch verstärkt, wenn ein Mangel an Profit das Kapital zwingt, seinen Umlaufzu beschleunigen. Der schneller und schneller werdende Kreislauf der Dinge (Produkte, Geld, Arbeit,Information, Gedanken, Glauben, politische Bühnen, etc.) führt zu ihrem Wertverlust. „Echtzeit" vernichtet die benötigte Zeit zum Innehalten und Nachdenken. In einem endlosen Fluss bringen dieFernbedienung und die „Maus" Dinge zusammen und lassen Landschaften und Bezugspunkteverschwimmen. Der unwiderstehliche Wunsch nach schneller Information brachte Menschen schon dazu, Tageszeitungen zu kaufen, deren Informationsgehalt nach Mitternacht veraltet ist, und dies wiederum brachte sie dazu, diese Zeitung jeden Wochentag und zusätzlich die Sonntagsausgabe zukaufen. Wenn Gedanken und Tatsachen wie alles andere produziert werden, trifft für sie auch Überproduktion und Wertverlust zu. Dieser Prozess geht mit digitalisierter Information, direkten Handy-Verbindungen, Dingen, die eine ständige Präsenz herstellen, noch viel weiter. Was bleibt vonVergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wenn jedes Ding, jede Tatsache oder jede Person zu jederZeit auftauchen, und mein Leben unterbrechen kann, bevor es genauso schnell wieder verschwindet?Die schmalen Stückchen Zeit, die uns gegeben werden, lassen kaum zu, dass wir sie beleben, und wirmüssen mit immer engeren Raum-Zeit-Nischen umgehen. In Tokio können Pendler, die den letztenZug verpasst haben, in ein Hotel gehen und in einer geschlossenen, einzelnen Schlafkoje, eine sargähnliche Einbuchtung in der Wand, schlafen. Ohne Frage keimfrei und bald mit kabelloser Verbindung ins Netz.Nach einer Überladung an runtergeladenen CDs und DVDs sehnt sich unser Zeitgenosse also nacheinem Moment der Meditation, um seinen Kopf wieder frei zu kriegen, bevor er ihn von neuem auflädt.Wenn Geld alle Götter der Menschen abwertet - und sie dann zu Massenwaren macht (Marx),versucht der Mensch entweder die Welt der Massenware umzustürzen oder er sucht nach sanfteren Göttern als dem altmodischen, gnadenlosen Mann des Alten Testaments. Das Pixel-Kind ist der perfekte Kandidat für Zen.In abrupt auseinander gerissenen Teilen der Welt, im Mittleren Osten zum Beispiel, wenden sichandere einer harten Religion zu, was in Europa und in den USA kaum nachvollziehbar ist. Der „zivilisierte" Mensch erkennt Realitäten, die vor einigen Jahrhunderten entscheidend für das Christentum waren, wie etwa das Martyrium und das Opfer, nicht mehr an.Die Attentäter des 11. September mussten in den Zwillingstürmen unschuldige Leben nehmen. Umdas fundamentale Unrecht zu richten, mussten sie ihr eigenes Blut vergießen, aber auch das Blut derMenschen, die nur als Lämmer in dieser makabren Zeremonie dienten. Es gibt eine Verbindungzwischen dem rituellen Schlachten von Tausenden von Schafen in ein paar Stunden von den Pilgernauf den Hügeln vor Mekka und dem Unheil, welches New York ereilte. Die 3000 Toten waren eingrober Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft, von weißen protestantischen Amerikanern angelsächsischer Herkunft, bis zu illegal eingewanderten Tellerwäschern (von denen einige sicherlichmuslimisch waren), dennoch mussten „Unschuldige" und „Schuldige" gleichermaßen als Opfer sterben. Ein Überfliegen einiger Passagen des Alten Testaments reicht aus, um uns daran zu erinnern, wie tief verankert das Opfertum in den drei Monotheismen ist: Einige Milliarden Menschenauf Erden sind Abrahams Kinder. Der hebräische Patriarch verzichtete nicht auf das Töten seines Sohnes, weil er erkannte, dass es falsch war, sondern weil Gott ihm ein anderes Opfer gab. Die Moraldieser Geschichte ist gefährlich doppeldeutig. Was, wenn ein Gläubiger denkt, dass Gott auf ein menschliches Opfer besteht?

Religion als Gemeinschaft

Der Verlust der ehemals führenden spirituellen Rolle der Religion in der modernen Welt ließ diesenicht verschwinden. Ganz im Gegenteil: Der Kapitalismus schafft sogar eine größere Reichweite fürReligion. „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem dieProtestation gegen das wirkliche Elend."5 Weder Armut noch Verarmung führt Menschen automatisch dazu, in Kirchenbänken niederzuknien. Inder Mitte des 19. Jh. herrschte in Frankreichs städtischen Slums eine Entchristianisierung, der „sozialeKatholizismus" konnte erst viel später die verlorenen Gründe wiedergewinnen und begann Kirchen inArbeitervierteln zu errichten. Menschen leben in Elend und gehen trotzdem nicht zur Kirche, und viele von denen, die zur Messe kommen, sind recht wohlhabend. Unsicherheit, das Gefühl von historischem Umbruch, das Dazwischen-Sein und der Verlust einer Art von Stabilität (wie unter­drückend diese auch gewesen sein mag) ohne die Entwicklung einer neuen Stabilität sind guteVoraussetzungen für eine religiöse Wiederbelebung. Dies passiert beispielsweise gerade in Russlandseit dem Zusammenbruch des bürokratischen Systems.Religion war im 19. und 20. Jahrhundert nicht überholter als die Nation oder die Demokratie im Jahre1914. Geschichte fügt sich nicht in erkennbare Muster und nichts ist sicher oder ewig in der kapitalistischen Evolution. Sog. Nebenwidersprüche werden nicht Stück für Stück aufgeklärt, um denWeg für den finalen Schusswechsel zwischen Kapital und Proletariat zu pflastern. Otto Rühle bemerkte, dass der Mensch im Allgemeinen und der Proletarier insbesondere kein soziales Gedächtnis ihrer Handlungen haben. In unrevolutionären Zeiten (das heißt ziemlich oft) wird diesesGedächtnis aufgebrochen und wird individuell. Proletarier entdecken dieses Gedächtnis nur, wenn siekollektive Pflichten wahrnehmen, welche zu einer neuen Zeit führen, die ihre Vergangenheit wiedersinnvoll macht und dabei hilft, konservative Institutionen und Werte, einschließlich Religion, in Fragezu stellen. Im Jahr 2006, genauso wie im Jahr 1848, entsteht der Anreiz von Religion nicht aus Elend, sondernaus seiner Möglichkeit von Gemeinschaft. Keine Kirche errichtet sich ohne soziale Funktion.Viele Varianten des Christentums spielen eine sozialisierende Rolle in Lateinamerika. MuslimischeBruderschaften konkurrieren mit katholischen und protestantischen Missionen in Afrika. In sogenannten reichen Ländern ist die christliche Mittelschicht in vielen Vereinigungen aktiv. Das US-Amerikanische soziale Leben ist unvorstellbar ohne die örtliche Gemeinschaft, die oft auf regimekritischen Kirchen basiert, und zwar besonders, aber nicht nur unter (recht bürgerlichen und armen) Farbigen. Religiöse Gemeinschaft dehnt sich oft auf politische Ebenen aus, wie katholische

5 Karl Marx „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" in: MEW, Band 1, S. 378

Parteien in Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien, der Einfluss der Kirche in der amerikanischenBürgerrechtsbewegung und christliche Verbindungen innerhalb der französischen Linken beweisen.Christliche Gewerkschaften hätten sich nicht entwickeln können, wenn sie bloß durch die Bosse unterstützt worden wären, die selbstverständlich lieber mit Arbeitervertretern verhandeln, welche von sich aus den Zusammenhalt der Klassen offen propagieren. Ihr Wachstum fand zu einer Zeit statt, inder der Reformismus noch in der Lage war, das Leben für einen Großteil der Masse zu verbessern,jedoch schon im Begriff, die Vorstellung einer Gemeinschaft, die das Unmittelbare über-winden würde,aufzugeben.Religion ist von dieser Welt und außerhalb dieser Welt, Institution und Ungehorsamkeit. Sie sozialisiert sowohl die Wohlhabenden als auch die Enterbten. Obwohl sie nie nur die Kirche der Armen ist, funktioniert sie als eine kollektive Körperschaft, da sie die Unterdrückten zusammenbringt und (einige)ihrer Hoffnungen auf ihre Weise formt. Religion ignoriert soziale Konflikte und Hoffnungen nicht, sieinterpretiert und strukturiert sie neu.Der spanische Klerus ergriff Partei für den reaktionärsten Sektor der Gesellschaft und unterstützteöffentlich die Unterdrückung der einfachen Arbeiter und bäuerlichen Anliegen. Diese Einstellung warlogisch, solange die Kirche einer der größten Landbesitzer war. Dies änderte sich langsam aber sichermit den Veränderungen im Landbesitz -beginnend in den 1950ern. In Lateinamerika verbündete sichein Teil der katholischen Hierarchie mit Diktatoren wie Pinochet, andere Teile jedoch passten sich denUmstürzen zwischen 1960 und 1980 an und entwickelten die Theologie der Befreiung bevor sie sich (mit dem Rest der Gesellschaft einig) zu sanfteren Visionen und politischen Formen zurückbewegten.Nachdem sie sich den Stürmen der Veränderung beugten, befassen sie sich nun mit Kleinstkrediten,örtlichen Gemeindeprojekten, fair trade und Sozial-Foren.

Der Osten ist grün

Religion tritt in den Vordergrund, wenn Geld und Ware soziale Strukturen zersplittern, ohne sie neuwiederherzustellen. Obwohl die Aufmerksamkeit momentan auf dem Mittleren Osten liegt, ist dieserTrend auch in Afrika, Lateinamerika und Asien zu beobachten. Als die Anhänger von Falun Gong diechinesischen Grünen zahlenmäßig überholten, geschah das, weil erstere Buddha und Konfuzius vermischen und die Rückkehr zu einer Gesellschaft der Vorfahren im Gleichgewicht befürworten.Denn diese Gesellschaft ist angeblich menschenwürdiger als der richtige oder falsche Fortschritt,welche China momentan aufwühlt. Panarabismus, indonesischer Nationalismus, aber auch peronistischer Populismus entstanden inmitten sozialer Kämpfe, in denen die Arbeiterbewegung (oft in Form bürokratischer Gewerkschaften)der Schlüssel war. Sie waren untrennbar von Schwerindustrie, großen Land-wirtschafts-oder Bergbaukonzernen, sowie ein sich ausweitender öffentlicher Sektor, der die Bevölkerung kontrollierteund die Gebildeten ebenso wie die Ungebildeten mit bürokratischen Jobs versorgte. Von Guinea überTunesien bis Indien wurden nationale Befreiungsfronten vorangetrieben von den Ansprüchen desProletariats und von den Aktionen, die sie lenkten ... und unterdrückten, wenn sie an die Macht kamen. Als sie sich der Aufgabe der ursprünglichen Akkumulation von Kapital zuwandten, bei der dieBourgeoisie versagte, versuchten sie Nationalgefühl und gesellschaftliche Realität zu vermischen.Dies ist erfahrungsgemäß eher ein Mythos als tatsächlich effektiv und grenzt manchmal ans Absurde,jedoch mit dem generellen Effekt, Religion zur Seite zu schieben. Ohne den Islam zu bekämpfen,präsentieren sich Mossadegh im Iran (1951-53), die irakischen und syrischen Baath-Parteien, Nasserund die algerische FLN als laizistisch.Das Jahr 1979 ist historisch einschneidend. Die russische Invasion in Afghanistan erzeugte einen Widerstand, der massiv geltend machte, für den Islam zu kämpfen (damals eine neue Erscheinung) und die Scharia anstelle der modernisierenden Maßnahmen des Marionettenregimes wieder einzuführen. (Als Beispiel für ihren Fortschritt propagierte die pro-russische Regierung die Befreiungder Frauen, so wurde etwa das droit du seigneur, welches dem feudalen Adligen sexuelle Rechte überdie Frauen seiner Angestellten zugestand, abgeschafft.) Im Jahr 1979 wurde der Schah durch eineVolkserhebung gestürzt, welche zweifelsohne proletarische Wurzeln und Elemente in sich trug,obwohl sie durch Geistliche angeführt war. Die afghanische und die iranische Situation ist Teil einesweiteren Kontextes. Das Versagen des stalinistischen, staatlichen Industrialismus (angeführt durchnationalistisch-sozialistische Regimes) und das Versagen der durch Öl-Reichtum eingeleitetenIndustrialisierung (wie die „Weiße Revolution" des Schahs), die Niederlagen der Arbeiterkämpfe aufder ganzen Welt, die Ausschöpfung des Fordschen Kompromisses, all jene liefen in den 1970ernzusammen und zerschlugen Entwicklungsmodelle. Der Zusammenbruch dieser Modelle vernichtetedie säkularen Visionen, die sie mit sich brachten. Als „sozialistische" und panarabische Paradiese sich als Betrug erwiesen und ihre politischen undmentalen Rahmen sich als unfähig herausstellten, Geschichte zu erklären und Gründe für Hoffnung zubieten, wendete die Masse sich einem Jenseits außerhalb dieser Welt zu. Die iranischen Enterbten identifizierten sich nicht mit einer sozialistischen Ideologie: sie interpretierten ihre Situation und ihrHandeln aus religiöser Perspektive und begaben sich selbst unter eine klerikale Führung. Sie wendeten sich an die Ayatollahs und nicht an die Tudeh, die einst mächtige örtliche KP. Fünfundzwanzig Jahre später wird der Irak (einst einer der säkularsten Länder der Welt) durch eineKombination von nationaler Befreiung und Bürgerkrieg (etwa 1000 Tote im Monat) zerrissen undzerbricht an religiösen Trennungslinien. Der Untergang von Saddam Husseins Diktatur 2003 kam zurgleichen Zeit wie unzählige Arbeitskämpfe und Versuche der Selbstorganisation im Irak. Deren folgendes Versagen hatte ihre Auflösung, und ihre anschließende Wiedervereinigung als sunnitischeund schiitische Gegner mit den Kurden als dritte Partei zur Folge. Im heutigen Irak hat die Industrialisierung von oben versagt. Jegliche vorhandene Entwicklung stammt von privaten Firmenund die durch Öl-Einnahmen finanzierte Rentier-Wirtschaft wurde durch einen Neo-Kolonialismus ersetzt oder gar durch Tauschhandel. Durch das Verschwinden des gewaltsam durch den Staat zusammen-geflickten Kollektivs wird die einzige greifbare kollektive Realität von (zwar auch unter­drückenden, jedoch in geringerem Maße) „ethnischen" und religiösen Bestimmungen geliefert. Hierjedoch enden ethnische und religiöse Bindungen gleich: Ob man Sunnit oder Schiit ist, bestimmt dieGeburt und nicht man selbst. Arabische und islamische Regionen spielen eine führende Rolle in dieser religiösen Wiederbelebung,da sie die Last des westlichen Säkularismus mehr als andere Teile der Welt tragen. Die Modernität hatsie zerbrochen, ohne ihre historischen Versprechen zu erfüllen. Diese Länder sind entzweit zwischeneiner Handelsklasse, die zwar seit Tausenden von Jahren gut handelt, jedoch unfähig ist, eine Industrie zu schaffen, die auf dem Weltmarkt bestehen und einer verarmten Masse wenigstens einePerspektive auf Arbeit mit angemessenem Lohn bieten könnte. Nostalgisch blicken sie auf ihre längstvergangene Größe zurück, die von korrupten Despoten geführt wurde, die wiederum mehr mit ihremeigenen Stamm als mit nationalen Interessen beschäftigt waren. Sie waren Beute einer militärischenElite, die mehr Niederlagen als Siege kannte, wurden von den Großmächten, (ehemals die USA undRussland, heute nur noch die USA) und Israel in Schach gehalten. Einerseits bewaffnet und andererseits destabilisiert. Ihre ständige Verdrängung von Forderungen der Arbeiter und Gewerkschaften und die Unentschlossenheit bzw. Nicht-Existenz von politischen Parteien und parlamentarischer Demokratie erzeugten ein berechtigtes Gefühl von der restlichen Welt herablassend und mit zweierlei Maß beurteilt zu werden. So handelte sich der Iran jetzt auch eine universelle Anklage aufgrund seiner Vorgehensweise inSachen nuklearer Produktion ein, obwohl der Atomwaffen-Sperrvertrag unterschrieben wurde undman sich zumindest formal an ihn hält. Indien, ganz im Gegensatz dazu, hat den Vertrag nichtunterschrieben und besitzt die Bombe und die notwendigen Raketen (und möglicherweise ein Motivund ein Ziel aufgrund der indisch-pakistanischen Fehde). Es bringt außerdem seine Nuklearindustrie stets auf den neuesten Stand. Doch der Westen blickt wohlwollend auf Indien, und Frankreich konkurriert sogar mit den USA um die Modernisierung der Nuklear-Kraftwerke Indiens. Es ist tatsächlich so, dass die USA und Europa auf ein mögliches Bündnis mit Indien gegen China bauen.Was den Fall Indien außerdem von dem Iran unterscheidet, ist, dass letzterer zufällig im Herzen derRegion mit der Hälfte der Öl-Ressourcen der ganzen Welt liegt. Die westliche Feindseligkeit gegenüber dem Iran, der zur Nuklear-Macht wird, rührt nicht von der Angst her, dass irgendeinfanatischer Mullah Teherans Israel von der Landkarte pustet, sondern dass der Besitz einer solchenWaffe an sich für die Jahrhunderte andauernde Kontrolle durch den Westen (einst Britannien, heutehauptsächlich die USA) über eine vitale strategische Zone schaden könnte.Alle Umstände zusammen treiben die Bevölkerung mit muslimischer Tradition zum Islam als eineQuelle von Selbstverständnis und Verbundenheit. Die langanhaltende Implantation der Hisbollah imSüdlibanon, der Erfolg der Hamas bei den palästinensischen Wahlen, die Spaltung der Iraker entlangeiner religiösen Trennlinie, der Durchbruch der Moslem Bruderschaft bei den Wahlen in Ägypten, einfundamentalistischer Anstieg in Algerien, Marokko, auf den Komoren, in Somalia...und auch die Taliban werden wieder stärker. Der Sudan wurde zwanzig Jahre lang aus ethnisch-religiöser Perspektive betrachtet: Der muslimischeNorden gegen den christlichen oder animistischen Süden, arabische Viehzüchter gegen schwarzafrikanische Bauern. Sogar mit dem geopolitischen Zusatz des Ölfaktors werden hier historische Realitäten in ewige Konzepte verdreht. Vor einigen Jahr-zehnten war der Sudan bereitsreif für „moderne" Konflikte, so wie z.B. während des Generalstreiks im Jahr 1964. Eine großestalinistische KP kontrollierte die Bewegung der Gewerkschaften mit Wurzeln unter Bahnarbeitern undFarmpächtern. Sie spielte eine wichtige politische Rolle, nahm an der Diktatur von Oberst Nimeiry von1966 teil (wie andere KP's im Trikont) und unterstützte seinen Putsch 1969. Nimeiry stürzte islam­beeinflusste Anführer und ging nach einem „Linken-Flügel"-Verfahren vor: Nationalisierung,Industrialisierung und Verlass auf den Ostblock. Nach dem Scheitern eines Coups der KP im Jahr1971 enthauptete das Militär skrupellos die Arbeiter-Bürokratie, wurde liberal und verband sich mitdem Westen. Zur gleichen Zeit wurde der Sudan zum Öl-und Gasproduzenten. Die Desillusionierung der Masse durch den „Sozialismus" unterstützte den Wiederaufschwung des Islam, und Nimeiryverließ sich mehr und mehr auf die Unterstützung militanter Islamisten, führte 1983 die Scharia ein, nur um dann 1985 von der Machtposition verdrängt zu werden.Natürlich gab es sowohl 1966 als auch 2006 religiöse Kluften. Hassan al-Turani, die wichtigsteislamische Figur, erschien 1964 zum ersten Mal öffentlich als ein Anführer studentischer Proteste. Ein„Nord-Süd-Krieg" war bereits 1955 ausgebrochen und dauerte bis 1972 an. Aber in den 1960ern kam es zu sozialen Konflikten, besonders solchen, die mit Arbeit zu tun hatten. Der Arbeiterklasse entsprangen Gewerkschaften und Parteien. Dann führte die Niederlage des nationalen Weges zu Wachstum und die Schwäche der führungs-unfähigen Arbeiter-Bürokratie zurück zu der strukturierenden Rolle der traditionellen Einteilungen. Diese Niederlage und Schwäche offenbarten dieUneinigkeit des Landes, teilten es, führten zu einem vierzigjährigen Bürgerkrieg und verhalfen zureligiösen (Re-)Identifikationen. Politische Anführer brachten den Islam mehr und mehr ein, bis einöffentlich bekennendes islamistisches Regime 1985 an die Macht gelangte. Soziale Widersprüche sind so dominant wie immer, aber sie können die anderen Widersprüche nicht abgrenzen und Lösungen für den gesamten Sudan und alle Sudanesen vorschlagen. So werden sie entlangschmaleren mentalen und politischen Formen strukturiert (bzw. auseinandergebrochen): Dem Stamm,der Stammesgruppe, der Region, der Religion...Christliches Kirchengesetz betrifft nur die Doktrin und den Gottesdienst. Die Sharia betrifft das ganzeLeben in einer patriarchischen Gemeinschaft, die von den Arabern seit Jahrhunderten dominiert wurde. In der Geschichte Europas gibt es nichts Vergleichbares zu den vier Schulen der Rechtssprechung, die die islamische Welt prägten und es teilweise noch tun. Eine der vier war stetsführend in den einzelnen Ländern (z.B. die Hanafi in der Türkei) und viele religiöse Gesetze wurden zuöffentlichen Gesetzen gemacht. Auch wenn die Grundlagen der patriarchalischen Ordnung sich, sogarauf der arabischen Halbinsel, verschoben haben, ist es verführerisch zu versuchen in religiösenRichtlinien eine Abhilfe für diese Verschiebung zu finden, wenn gerade keine bessere Lösung zurHand ist. Der Islam hat den großen Vorteil, eine un-mittelbare Gemeinschaft zu bieten, sichtbar in manchintermoslemischer Solidarität, die er organisiert, und sich als Gegenpol zu Geld und Grenzen darzustellen. Der letzte Aspekt hat in Khartum eine weitaus größere Bedeutung als in Rom. Für einen(muslimischen, christlichen oder atheistischen) Bürger Italiens bedeuten Grenzen nicht viel. Er kanninnerhalb des nationalen Gebietes leben, arbeiten und reisen. Er bekommt, solange er sich an dieGesetze hält, ein Minimum an Schutz und Fürsorge. Er gehört dazu und er hat einen Staat.Die Hälfte aller Afrikaner und Asiaten können nicht von einem solchen „großen, gemütlichen Gefängnis" (Max Weber) profitieren. Die Gebiete, in denen sie leben, werden bedroht von marodierenden Männern mit Gewehren, ihre bescheidenen Güter werden geplündert und ihre Familien vertrieben und dezimiert. In vielen afrikanischen Ländern gibt es keinen Unterschied zwischen bewaffneten Banden und Regierungstruppen, besonders dann, wenn die Regierung nicht inder Lage ist, ihre Soldaten zu bezahlen. Die dort lebenden Menschen leiden unter der Diktatur undzugleich unter ihrem Zusammenbruch. Wenn der nationale Staat eine blutige Farce ist, ist der Menschgeneigt Schutz in einer übernationalen Gemeinschaft zu suchen: In der Umma der Gläubigen. DerIslam bleibt die einzige Instanz, die ein wenig Paradies verspricht und behaupten kann, es auf derErde umzusetzen. Wenn „Revolution" die Zerschlagung der bestehenden Ordnung zur Herstellung einer neuen, besseren Ordnung bedeutet (und nicht, wie wir es kennen, die menschliche Emanzipation), dann ist der Islam in der Tat eine vielversprechende Revolution. Eine kommende Revolution, die nicht bis auf unbestimmte Zeit verschoben wird, wie die der Sozialdemokratie und des Stalinismus. Das Paradoxe ist, dass islamistische Fundamentalisten kein vergleichbar effektives Programm zurIndustrialisierung und zur Landreform der Progressiven der Jahren 1950 oder 1970 haben. Typisch fürihre momentane Lage ist es, große Massen zu organisieren ohne eine umsetzbare historische Lösunganzubieten. Boumedienne behauptete Algerien zu industrialisieren, Ali Banhadj versprach reine Wegeund Sitten. Ersterer verließ sich auf Wirtschaftsexperten aus dem COMECON. Letzterer schickte dieSittenpolizei auf die Straße. Dies bedeutet nicht, dass religiöse Ideologien und Anführer von kurzerDauer sind. Dass die Mullahs den Iran seit mehr als fünfundzwanzig Jahren regieren, liegt nicht nur anden Unmengen Öl, auf denen sie sitzen. Sie haben viele Rückschläge und einen langenkostenintensiven Krieg überstanden, weil der Impuls der Volksbewegung von 1979 tiefer ging als diePolitik und aufgrund einer „Rückzahlung für Dienste"-Logik: Es reflektierte eine Gemeinschaft, die überdas Materielle hinausging.Dies ist genau der Grund, warum diejenigen in Machtposition oft versuchen religiöse Formen aussozialer und politischer Frustration zu nutzen. Modernität und Archaismus funktionieren wie ein sichimmer wieder trennendes Paar, welches doch nicht ohne einander kann. Israel pries einst die Hamasals ein Gegen-mittel zur Fatah, die USA gab den muslimischen Afghanen Raketen und Geld gegen das säkulare System der Russen, und Bin Laden war einmal ein Verbündeter von Washington. Fastüberall dort, wo man von dritter Welt spricht, spielte der Westen den Zauberlehrling.Muslimische Anführer taten dasselbe und hielten es für weise, religiöse Passionen zu vermarkten.Ägypten war nicht das einzige Land, welches zum Anstieg militanter Muslime beitrug, um nationalistische mit „kommunistischen" Atheisten auszugleichen. Nach dem durch die Anti-Islam-Karikaturen aus-gelösten Aufschrei ließen dieselben Regimes, die sonst nicht zögern einen Streikblutig niederzuschlagen, zu, dass Demonstranten das Zentrum der Hauptstadt besetzten und ausländische Botschaften und Konsulate in Brand setzten. In Jemen verbrannten mehr als 10.000 Frauen eine große Anzahl dänischer Flaggen. Da es ziemlich unwahrscheinlich ist, diese in den Kurzwarenabteilungen in Sanaa erhältlich sind, ist es wohl eher so, dass einige Personen in Machtpositionen wütende Muslime mit Hunderten von Flaggen mit weißem Kreuz auf rotem Hintergrund ausstatteten. Es sei denn, dass die Demonstrantinnen sie in der Nacht zuvor selbst nähten, Religion tritt für Ordnung und Chaos ein. Sie fordert Waffen oder Ruhe. Sie fordert eine Absolutheit,die sich nur schwer mit Kompromissen und Respekt für herrschende Mächte vereinen lässt. Gleichzeitig fordert sie Menschen auf, Frieden zu schließen, und verlangt von den Armen, sich mit denReichen zu versöhnen und die Gesetze zu befolgen. Wie das Christentum ist auch der Islam institutionalisierte Eroberung. Er gedeiht mit Krieg und Frieden, er erschüttert und er stabilisiert. DerIran wurde einmal als Theokratie beschrieben, dennoch ist das Hauptanliegen seiner Anführer nicht,den Mittleren Osten in Brand zu setzen und das Schwert zu zücken, sondern sich selbst aufrecht zuerhalten. Die Ajatollahs regeln ihr Öleinkommen mit einem tüchtigen, kapitalistischen Sinn, und derArchaismus, den sie gerne auf den Straßen von Teheran durchsetzen würden, führt nicht zu einerbesseren Bilanz. Die sogenannte gemäßigte islamistische Regierung der Türkei ist streng in Bezugauf die Kleidervorschrift, sie bringt jedoch keinen Archaismus in die Abläufe der Industrie und es gibtkeine großen Unterschiede zwischen ihren wirtschaftlichen Richtlinien und denen ihrer Vorgänger.Religiöser Fundamentalismus hat Erfolg, indem er die absolut pingeligste Kleinigkeit im Namen derAllgemeinheit fordert. Ein durchschnittlicher Londoner oder Mailänder muss sich nicht fragen, wie erdas alltägliche Leben, das durch viele Bevormundungen bei der Arbeit (selbst wenn er ohne Arbeitist), durch eine Konsumgesellschaft und durch Freizeit bestimmt wird, organisieren soll. Die Hälfte derWeltbevölkerung wird bald in (oft riesigen) Städten leben und ungefähr eine Milliarde Menschen ganzohne die Vorzüge, die für ein Leben in der Stadt benötigt werden. Wer in Kairo oder Beirut in einemarmen Stadtviertel wohnt (was eigentlich fast alle Stadtteile sind), lebt nicht in den gleichen sozialenund mentalen Strukturen wie seine Eltern und Großeltern in einem ländlichen Umfeld. Er wird dazu getrieben, eben diese Strukturen wieder herzustellen, indem er sich und seiner Familie eine komplexeAnsammlung von Regeln auferlegt, die vorschreiben, wie man isst, schläft, sich die Nase putzt, sichanzieht, sich ausdrückt, wo man einkehren darf, wen man treffen darf, wen man heiraten darf etc. Der regelmäßige Kunde in einem riesigen Einkaufszentrum findet sich in einem Netz von Verpflichtungen wieder (in dessen Zentrum das Geld, der universelle Vermittler, steht), welche ganz offensichtlich sind. Er hat Schwierigkeiten zu verstehen, warum muslimische Fundamentalisten solch absurdenVorschriften folgen können. Dabei ist es gerade ihre Absurdität, die sie so einfach und vollständigmachen. Gegen den Fanatismus ist der Appell des Humanisten an die Vernunft völlig fehl am Platz:Fanatismus erhält seine Stärke durch die Fähigkeit, seine Anhänger von der Vernunft zu befreien undsie eigentlich dadurch von der Freiheit zu befreien, wenn Freiheit wenig Zufriedenheit bringt. Der westliche Besucher eines Einkaufszentrums wählt aus Dutzenden von Chips und Tausenden vonFilmen. In den meisten Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens ist das Einkaufen in solchen Zentren ein Luxus, der für die wohlhabende Minderheit reserviert ist. Daher ist es nicht unlogisch für einMitglied der unterprivilegierten Mehrheit zu wählen nicht mehr wählen zu müssen. Islam heißt wörtlich „Unterwerfung", aber sollen sich nicht alle Gläubigen dem Willen Gottes unterwerfen?

Der Westen ist blass

Die „reichen" Länder erfahren nicht nur eine religiöse Wiederbelebung, sie erleben auch alle Religiosität losgelöst von bestehenden Doktrinen und Kirchen. So wie manche Menschen sich mittlerweile als nicht-kommunistische Trotzkisten bezeichnen, ist es auch denkbar, sich als Christ zu bezeichnen, ohne vollständig von der Existenz Gottes oder die Heiligkeit Jesus' im biblischen Sinne überzeugt zu sein. Glauben bedeutet mehr als I want to believe, wie es in der Fernsehserie Die X-Akte gesagt wird.Die westliche Demokratie stand der Religion ganz einfach tolerant gegenüber: Heute betrachtet undbehandelt sie sie zu deren Vorteil, wie der Aufstand, den die Islam-Karikaturen auslösten, zeigt. FreieMeinung galt als Grundvoraussetzung für Demokratie, nun soll diese aufhören, wo Blasphemie beginnt. Während Rufmord und Verleumdung vor Gericht und Gesetzen, die mit Logik und Auseinandersetzung arbeiten, ausgehandelt werden, hat „Blasphemie" nur eine religiöse Bedeutung,deren Definition den Priestern und Gläubigen überlassen wird. Mit anderen Worten: Religion wird das besondere (außergerichtliche) Privileg eingeräumt auf ihre eigene Weise zu urteilen und beurteilt zu werden. Man stelle sich nur vor, dass der Marxismus/Leninismus 1950 ein legaler Standard gewordenwäre, wenn französische oder italienische kommunistische Parteien jedermann wegen Rufmord verklagt hätten der diese Doktrin angegriffen hätte. Als S. Rushdies Leben aufgrund seiner Satanischen Verse von den Schiiten bedroht wurde, wurde er durch den britischen Geheimdienst beschützt, da Britannien mit dem Iran im Konflikt stand und diesen cause célèbre nur zu gern als Propaganda nutzte. Doch obwohl sie den Fanatismus der Ajatollahs anprangerten, betonten diereligiösen Sprecher des Westens, dass Rushdies Buch die Muslime angriff: Seinen Tod zu fordern warfalsch, das alles wäre jedoch nicht passiert, wenn er nicht so weit gegangen wäre.Einige Jahre später spricht der für die Verhaftungen und Folter zuständige General von Guantanamonicht vom Koran, sondern nur vom heiligen Koran. Die US-Regierung besetzt und unterdrückt dieIraker, steht ihnen jedoch gleichzeitig das Recht zu, sich über die Islam-Karikaturen aufzuregen.Washington nahm Abstand von Kopenhagen, welche eine der wenigen europäischen Hauptstädte ist,die die amerikanische Intervention im Irak unterstützte. Als der europäische Außenminister Saudi-Arabien besuchte, fühlte er sich verpflichtet, seinen Gästen eine Entschuldigung für das unmöglicheVerhalten der dänischen Zeitung auszusprechen.Heute ist man sich darüber einig, dass Provokation vermieden werden muss und der Glaube derMenschen respektiert werden muss. „Respekt" bedeutet hier eine unkritische Annäherung. Wie wir eserwarten, steht der rechte Flügel für traditionelle Werte wie etwa Religion. Die Linke aber setzt sichallem entgegen, was ihrer Meinung nach Feindseligkeit bei den Einwanderern, Arabern, Pakistanern,Hindus, Muslimen, Farbigen oder nicht „weißen" Minderheiten allgemein auslösen könnte. Als ob irgendjemand, der zu diesen Minderheiten zählt, sich über die Zugehörigkeit zu einer Religiondefinieren würde. Jede radikale Kritik am Judentum gilt heute als antisemitisch und jede vollständigeAblehnung des Islam als Symptom weißer Arroganz oder Vormachtstellung. Reales, gewolltes odererzwungenes Festhalten an Religion wird mit Identität gleichgesetzt. Das Individuum wird nicht längerim Licht seiner persönlichen Präferenzen und seines freien Willens (welcher gleichzeitig immer wiederals das demokratische Prinzip gepriesen wird) betrachtet: Er ist abgegrenzt und wird an eine Gruppegebunden.Heutzutage sind sich alle politischen Kräfte, einschließlich die der extremen Linken, einig, dass diefreie Meinungsäußerung absolut notwendig ist, jedoch die Verpflichtung impliziert, sie nicht zu missbrauchen. Ebenso wie Alkohol muss sie in Maßen konsumiert werden. Sonst kann es, wie Tabak, zum Tod führen. Eigentlich ist es dies, was die bürgerliche Demokratie schon immer sagte. Doch inder Vergangenheit gab es anarchistische, freidenkerische oder satirische Pamphlete und Schriften,die das genaue Gegenteil waren und, üblicherweise mit Unterstützung der Linken des linken Flügels,Respektlosigkeit gegenüber respektablen Werten, Institutionen und Personen zeigten. Heute greifenim Westen nur etwa eine handvoll linksradikale die Religion öffentlich an. Die anti-religiösenZeichnungen und Artikel, die um 1900 im Umlauf waren, bräuchten heute noch nicht einmal verbanntzu werden, da niemand daran denkt, sie zu zeichnen oder zu schreiben. Einst gab es Karikaturen desrechten und des linken Flügel, mittlerweile sind sie alle mainstream. Dies bedeutet jedoch nicht, dasses damals Pressefreiheit gab; die gab es nie und wird es nie geben können. Doch die Blätter von1900 oder aus den heutigen Medien sind ein sozialer Resonanzboden, der die Widersprüche undEmotionen der Gesellschaft widerhallt. Die Zensur von 1900, welche Kritiker der bürgerlichen Moral,der Armee und des Vaterlandes mundtot machte, löste Diskussionen und Aufschreie aus. Heute regiert die Selbstzensur. Der vor-herrschende Wert ist kein Wert mehr, nur die Toleranz der tolerantenWerte. Nichts scheint heilig und die Grenzen des Privaten scheinen aufgelöst. Millionen von Fernsehzuschauern teilen familiäre und sexuelle Geheimnisse, die früher nur hinter vorgehaltenerHand und im Vertrauen weitergegeben wurden. Religion jedoch ist von einer solchen Entweihung aus­genommen. Sie existiert gesondert, von Kritik und Spott geschützt und wird, so wie sie es will,behandelt: Nicht als Doktrin oder Einstellung, die wie jede andere diskutiert werden kann, sondern alseine andere Realität fern von jeder Weltlichkeit.Toleranz war einst eine anti-religiöse Waffe oder ein Schutz. Nun wird es von Priestern als Instrumentgegen jene, die ihre moralische Autorität ablehnen, benutzt. Die unreligiöse Person gilt als engstirnig.Die zahlreichen Talkshows über die unerhörten Karikaturen ließen viele Priester zu Wort kommen, man hörte jedoch wenig Ungläubige. Der Atheist muss sich selbst erklären und verteidigen.Toleranz zeigt sich gerne als Beschützer der Schwachen und verteidigt doch die Interessensgruppender Starken. Solange die Religion politische Macht hat, wie etwa in Frankreich vor 1789, oder bei denMachthabenden einen Fuß in der Tür hat, wie in den USA oder (zwar anders) im heutigen Russland,schert sie sich nicht um Toleranz. Wenn sie von Erzrivalen oder Atheisten ins Kreuzverhör genommenwird, schreit sie nach Gewissensfreiheit. Wie die Demokratie verlangen auch die verschiedenen Kirchen, je nachdem, was ihnen besser passt,entweder das Gesetz der Mehrheit oder die Rechte der Minderheit. Wann immer es eine Minderheit von Christen oder Muslimen gibt, fordern sie Religionsfreiheit. Wenn es Millionen von ihnen gibt, halten sie es für selbstverständlich, dass kein Verhalten, keine Rede, kein Buch und kein Film ihren Glauben angreifen darf. An dieser Stelle braucht nicht erwähnt zu werden, dass weder eine kleinenoch eine große Anzahl irgendetwas beweist. Millionen von Menschen weinten, als Stalin starb. Wirtrauern keiner Selektivität von Respekt nach, der für Religion „selbstverständlich" ist, und auch keinerRevolution. Jeden Tag werden in Abertausende von Artikeln, Stellungnahmen und UnterrichtsstundenKommunismus und Faschismus unter dem Begriff „Totalitarismus" über einen Kamm geschoren unddas Projekt menschlicher Emanzipation wird als hohler Traum oder mörderischer Albtraum beschrieben. Wir waren naiv, als wir mehr erwarteten. Die herrschende Meinung ist nun mal die Meinung der Herrschenden.

Die Vereinigte Kirche(der sog. Dialog der Religionen)

Moses war ein politischer ebenso wie ein religiöser Anführer und dem Blutvergießen der Unwürdigennicht abgeneigt. Mohammed gewann durch Predigen, Diplomatie, Krieg und Mord Arabien für den Koran. Christliche Missionare gingen mit europäischen Armeen, die die halbe Welt eroberten. Derbuddhistische Ruf des Friedens hat Buddhisten nie davon abgehalten, Krieg zu wagen oder vonTyrannen beherrscht zu werden. Was hat Religion schon groß an Frieden verbreitet?Jede Religion leitet ihr wahres Wesen von der Tatsache ab, dass sie sich als eine privilegierteVerbindung zu einer Welt außerhalb des Hier und Jetzt darstellt. Ihre Doktrin ist die einzig wirklichNachvollziehbare und nur ihre Rituale lassen den Eintritt in die andere Welt zu. Sie allein besitzt den Schlüssel für das Tor zwischen den Welten. Sie ist die alleinige Vermittlerin: Verglichen mit einer offenbarten Wahrheit ist jede andere Wahrheit nur teilweise wahr, also Fehler oder Betrug. Absolutheiten schließen sich gegenseitig aus. Wenn religiöse Anführer behaupten, dass sie im Grunde einen gleichen Glauben teilen, weil sie alle an „Gott" glauben, und dass dieser gemeinsameGlaube die spezielle Art, wie jeder an ihn glaubt, überwiegt, ist der kleinste gemeinsame Nenner nichtmehr als eine verteidigende Position gegen politischen und sozialen Druck und gegen die Oppositionder Ketzer und Atheisten. Es gibt keinen Grund, die Aufrichtigkeit jener, die die Ökumene adaptieren,anzuzweifeln. Trotzdem wird ein Jude die Heiligkeit Jesus' nicht eher anerkennen als ein Christ das Judentum als Religion eines von Gott auserwählten Volkes akzeptieren wird. Ohne die Heiligkeit desErlösers ist das Christentum bedeutungslos, ebenso wie das Judentum es ohne die heiligeAuserwähltheit des einen Volkes gegenüber anderen ist. Für einen Moslem ist Mohammed nicht einProphet, er ist der Prophet. Es kommt eben doch darauf an wie man an Gott glaubt....Noch mehr kommt es darauf an, wie man seinen Gott verehrt. Die Zeremonien zu vernachlässigen,einen öffentlichen interkonfessionellen Gottesdienst abzuhalten, das, was teilt zurückzustellen zugunsten dem, was vereint, käme dem Entzug der Substanz einer jeden Religion gleich. Wer dergleichen ausübt, teilt keinen Glauben, sondern den Willen zu teilen. Eine gute Absicht, und wennder Gottesdienst vorbei ist, geht jeder zurück zur echten Sache: Die Moschee am Freitag, dieSynagoge am Samstag, die Messe am Sonntag, Aufsagen der Mantra am ... Für den Taoisten ebensowie für den Lutheraner sind es das Ritual und die frommen Besonderheiten, die ihre Religion bestimmen, wenn sie sie von anderen unterscheiden. Sicherlich geht eine Verehrung, die auf derUnterscheidung von rein und unrein basiert, hier noch viel weiter, doch sogar der freimaurerischeGeist wünscht sich einen „Initiationsritus" und braucht gelegentliche Überwachung spezieller Rituale,die den Großen Architekten des Universums preisen. Es ist nicht der Teufel, der „im Detail steckt", esist Gott. Keine Religion besteht ohne eine Absolutheit, die wiederum nicht in einem Vakuum existiert,sondern nur durch eine Reihe von Gesten, die vollbracht oder vermieden werden. Logischerweise gibtes in solchen Gesten auch Absolutes. Indem man so tut, als ob man auf sie verzichten könnte, nimmt man der Religion ihr Fundament. Einem gläubigen Moslem kein Schweinefleisch zu servieren, unterliegt einer ganz anderen Ordnung der Dinge als einem Veganer kein Grillhähnchen zu servieren.Im Gegensatz zu der vertretbaren und diskutierbaren Wahl des Veganers, bekommt die Essensvorschrift (auch wenn sie offen für Kompromisse ist) eines Moslems ihre Bedeutung durch dieTatsache, dass sie außerhalb der Vernunft liegt. Sie bekundet eine Überlegenheit des Heiligen überdas Weltliche, bestätigt den Gehorsam zu Gott und somit Gottes Existenz. Ein Veganer kann miteinem Nicht-Veganer diskutieren. Die Weigerung des Moslems, Schweinefleisch zu essen, kann nichtdiskutiert werden. Wenn wir seine Verweigerung also als Ausdruck persönlicher Freiheit betrachten,bestreiten wir die Bedeutung seines Handelns, welches nämlich nicht einer persönlichen(veränderlichen) Wahl entstammt, sondern einer fundamentalen Realität, die über dem Gläubigensteht. Der interkonfessionelle Dialog läuft darauf hinaus, genauso unvereint wie die Vereinigten Staaten zubleiben. Trotzdem erleben wir gemeinsame Bemühungen von Christen, Juden und Moslems zusammenzukommen und zusammen zu handeln, besonders im Mittleren Osten. Dies liegt nicht daran, dass Studien gezeigt haben, dass die drei Monotheismen, anders als vermutet, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Sie werden auch nicht von der Fürsorge für ihre Herde angetrieben. Ihre zaghafte Zusammenarbeit hat mit ganz profanen Interessen zu tun: Sie müssen dernüchternen Nachfrage nach sozialem Frieden nachkommen, der für sie als Institution wichtig ist. Israelmag zwar Kriege gewinnen und internationales Geld mag (unter Umständen) als Subventionierung inden kaum vorhandenen Mini-Staat Palästina fließen, die Lage bleibt jedoch aufgrund von Druck ausder verarmten Masse sehr unberechenbar. Die Proletarier der Region sind jetzt (und werden es wohlauch noch eine Weile bleiben) unfähig, mit dem proletarischen Programm voranzukommen, aber siesind in der Lage, genug Aufstand zu erzeugen, um die bestehenden politischen und religiösen Positionen zu bedrohen. Ein Teil der muslimischen Elite versucht es mit einem harten Konfrontationskurs mit einer recht großen Unterstützung. Andere muslimischen Anführer wissen, dasssie im Krieg mit Israel und dem Westen und durch einen Bürgerkrieg unter den Arabern großeVerluste machten könnten, und suchen daher Kompromisse mit Israel, den Nachbarstaaten, den USAund Europa und stellen fest, dass religiöser Frieden Voraussetzung für sozialen Frieden ist.

Des Priesters neue Kleider

In den meisten alten kapitalistischen Ländern ist die Religion zu einer Institution und einer sozialenGewohnheit geschrumpft. Weniger Studenten in den Seminaren, weniger Publikum in der Sonntagsmesse. Dennoch erblüht die Religion als Einstellung und Weltanschauung. Seit dem Endeder „großen Ideologien" wird die Demokratie von der Religion durchdrungen. Uns wird geraten, dieunmögliche Revolution zu vergessen: Der einzige Weg zu einer besseren Welt ist, jedem einengerechten Teil dieser Welt zu geben. Der Kommunismus kann nicht auf ein menschliches Gesichtgepresst werden, der Kapitalismus schon, solange wir immer und immer Reformen haben.Konfrontation hat keine Wirkung mehr. Mitgefühl schon. Dies ist das Zeitalter der Rechtschaffenen.Wenn wir Völkermorde schon nicht verhindern können, bringen wir sie wenigstens vor Gericht. Dasheißt natürlich die Völkermorde, welche die großen Mächte als solche definieren und behandeln.Moralisierte Politik bedeutet Scheinheiligkeit zu Zynismus zu addieren. Als R. Prodi (linke Mitte italiens) und W. Veltroni (PDS, ehemals italienische KP) 1996 im Amt waren, erfand man den Ausdruck buonista für Politik, die auf dem Bild des Guten basiert, im Gegensatz zu Berlusconisvulgärer Rücksichtslosigkeit. Dieses Mr. Nice-Verfahren entflammte die Massen jedes Mal, wenn eineTodesstrafe aufgehoben wurde. Währenddessen beherbergten italienische Gefängnisse (wie sie esnatürlich immer noch tun) politische Gefangene und behandelten sie rücksichtslos. Genauso wie illegale Einwanderer, die das Pech hatten, gefasst zu werden.In der Vergangenheit war der Unterschied zwischen der religiösen Linken und der sozialistischenLinken, dass Erstere die Armen nur verteidigte, während Letztere sie dazu anstachelte, die Weltanzugreifen. Angriff ist nun nicht mehr das Programm, auch nicht die Anstrengung, die Welt umzuwälzen. Selbstverteidigung ist heute angesagt. Dies schließt militante Aktionen nicht aus...wennes darauf abzielt, die Schwachen gegen Kräfte zu beschützen, die nicht einfach durch Kontrolle besiegt werden können. Man redet zwar noch von Kampf, jedoch verliert er seine feindliche Konnotation, die er noch in Klassenkampf hatte. Es bedeutet, nur eine so große Zahl zu versammeln,die allein durch ihre Größe und ihr legitimes Recht, und ganz sicher nicht durch Gewalt, triumphiert.Sub-Comandante Marcos will einen zivilen und friedlichen Aufstand: Also eine gewaltlose Gewalt.Die Menschen träumten davon, die Welt zu verändern. Jetzt versuchen sie sie zu retten, mit offensichtlich religiösem Unterton. Der Mensch ist im Grunde tendenziös dazu versucht, Grenzen zuüberschreiten und sich selbst wie den Rest der Schöpfung zu zerstören. Also müssen seine Exzessein Schach gehalten werden. Die Erbsünde wurde säkularisiert. Tue Buße!Objektivität erzeugt keine andere Gesellschaft mehr, aber sie ermöglicht jedem, in der bestehendenWelt zu leben. Die Schwierigkeit ist, alle Habenichtse zu versammeln: die Obdachlosen, diejenigenohne gültigen Pass, ohne Zugang zu höherer Bildung, ohne Stimme, ohne soziale Anerkennung, diesexuell oder ethnisch diskriminierten. Sie müssen in Habewasse verwandelt werden: Sie müssen mit einer Sozialwohnung versorgt werden, einen Mindestlohn erhalten, eine Job, eineWahlberechtigung, einige Jahre Universitätsbesuch, eine soziale Anerkennung, und sie müssen mitihren sexuellen Neigungen und ethnischen Herkünften akzeptiert werden. Es spricht nichts dagegen.Tatsächlich hätte dies 1930, mit Ausnahme der sexuellen Angelegenheiten, die kaum eine Parteiberücksichtigte, ein Standard sozialdemokratischer Wahlgrundlage sein können, logischerweise als„reformistisch" von der radikalen Linken und sogar von einigen KP's aus dem Hintergrund und engagierten Sozialisten der USA bezeichnet. Heute ist es Programm fast aller Linken und vielerAnarchisten. Das Minimum von gestern ist das Maximum von heute.Das Argument ist, dass niemand abgelehnt werden darf, außer einigen Bankiers und Kriegstreibern,deren Gier und Hass (Todsünden, wie wir wissen) der Grund für unsere Misere sein soll. Vorausgesetzt, der Firmendirektor macht seine Einkäufe auf dem Fahrrad, macht die Klimaanlageseines Autos nicht an und kauft keine Erdbeeren im Winter, vor-ausgesetzt, er hat keine rassistischen oder homophoben Vorurteile, dann hat er genauso seinen Platz in der Gesellschaft wie auch derArbeitnehmer (niemand ist mehr Proletarier), den er zwar leider überflüssig macht, ihn jedoch umschulen lässt. „Lasst uns zusammen leben..." Das religiöse Thema des Teilens ist säkular geworden. Nichts unterscheidet das Programm eines freidenkenden Sozialisten von dem eines linkenBischofs. Der reichste Mann der Welt, B. Gates, ist gleichzeitig der, der am meisten für Wohltätigkeitsvereine, Stiftungen und Impfungen in armen Ländern spendet. Wenn nur alle Reichenso großzügig wären...Wenn wir teilen müssen, scheint klar, dass unter Anbetracht der Armut der meisten Menschen, der europäische oder US-amerikanische Mindestlohn und die Arbeitslosenhilfe ein gerechtes Einkommensind, und bescheidene Einnahmen für Europäer und Nordamerikaner da sind, um die Löhne undEinkommen in La Paz oder Peking anzuheben. Von einer Banane aus Ecuador geht im europäischenSupermarkt 1,5 bis 2% an den Plantagen-Arbeiter, 10-15% an den Plantagenbesitzer und 40% an denSuper-markt. Wenn wir die Wirtschaft auf einen gemeinsamen Topf reduzieren, besteht die einzigeMöglichkeit die Bezahlung des Ecuadorianers zu steigern darin, den Profit der Aktieninhaber derSupermarkts und die Löhne des Personals zu senken, die einen über-großen Anteil des Reichtumsder Welt schlucken. Schwedische Kassierer sind offen-sichtlich stark überbezahlt. Wenn man dieser Argumentation folgt, entsteht Arbeitslosigkeit nicht dadurch, dass das Kapital nur Arbeit herstellt, diedas Kapital vermehrt, sondern durch den exzessiven Arbeitsplatzschutz, der den Fluss von Arbeitblockiert und Chefs davon abhält, mehr Arbeiter einzustellen. Der einzige Weg, der dazu führt jungenLeuten Arbeit zu geben, ist diese Schutzmaßnahmen abzubauen. Wir sollten alle lieber ein wenigunsicherer leben, als dass 10% unter uns ohne Arbeit bleiben ...Klassenkonflikte werden unter dem Blickwinkel von Generationskonflikten neu interpretiert. Die Jungen bekommen keine Arbeitsplätze,weil die Alten so eigennützig an ihren sicheren Positionen festhalten. Wenn wir uns einigten, wenigerzu verdienen und mobiler zu sein, gäbe es Arbeitsmöglichkeiten für alle.Wenn man die Ungerechtigkeit zum größten Feind macht, wird es nur einen Neuverteilungsprozessgeben. In der Vergangenheit wurde die Wirtschaft von Konservativen als ein Kuchen beschrieben, der(leider) nicht größer werden würde, wenn die Armen größere Stücke erhielten. Die Linke versprachmehr Kuchen in einer neuen Küche zu backen. Heute ist Teilen das klingende Wort und die extremeLinke fordert nur ein radikaleres Teilen. Da man versucht, die Realität zu besänftigen, ist Reform aufgleicher Höhe mit einem Christentum, welches nicht mehr eine bessere Zukunft, sondern eine moralisierte Existenz im Jetzt verkündet. Wenige Christen glauben heutzutage noch an das Entzückenim Paradies und an die Grauen in der Hölle. Wenige Linke glauben an einen entscheidenden Umbruch in dieser Welt.

Frieden!

Nur die Gotteskrieger des Dschihad behaupten, sie hätten „Gott auf ihrer Seite". Westliche Kirchenlassen sich ungern mit dieser Streitlust zusammenwerfen und bevorzugen es, für den Frieden anzutreten. In den 1960ern war die lauthalse Unterstützung der GIs in Vietnam von New Yorks Oberhaupt Spellman bereits etwas aus der Mode. Der Papst wusste es besser. Ebenso wie viele USKirchen: Sie unterstützten lieber ihre eigenen Interessen und die Langzeitinteressen ihres Landes,indem sie Demonstranten zu einer reinen Anti-Kriegs-Angelegenheit zusammentrommelte. Sie halfen,die Bewegung von einer generellen Einstellung gegen den Staat und die Gesellschaft weg zu lenkenund trugen ihren Teil zu dem Beginn von Verhandlungen bei.Die Linke und viele Globalisierungsgegner handeln nun entlang einer Linie von religiös inspiriertemPazifismus. Der Gedanke, dass ein Staat, wie demokratisch er auch sein mag, dazu getrieben wird,Krieg zu führen, wurde mit dem ganzen Rest, der als undurchdachter Marxismus betrachtet wird,begraben. Linke üben nun Druck auf den Staat aus, damit er nicht in den Krieg geht oder Friedenherstellt. Pazifismus gilt nur für Staaten, die angreifen, aber er lässt ihr Recht auf Selbstverteidigungoder einen Angriff aus einem gerechten Grund zu. Die Bombardierung Serbiens wurde dadurch gerechtfertigt, dass sie einen Völkermord verhinderte. Die Invasion des Irak wäre durch den Pazifismus gerechtfertigt, wenn Saddam Hussein tatsächlich „Massenvernichtungswaffen" gehabthätte (die im Arsenal der zwei Hauptangreifer zahlreich sind). Morgen könnte er eine Militäraktionrechtfertigen, um mit der nuklearen Bedrohung im Iran fertig zu werden oder der in Nord-Korea oderanderswo. Vorausgesetzt, der Angreifer kann den Angegriffenen als möglicherweise gefährliche Figurdarstellen. Pazifismus kritisiert den Staat nicht für das, was er ist, sondern er wirft ihm vor, auf die falschen Ziele zu setzen. Die moderne Kirche ist pazifistisch. Wohl wahr, jedoch gibt es auch nationale Kirchen, wie die russischen oder griechischen Hierarchien, die ihren Senf in bestimmten Ländern dazu geben. Die meisten Kirchen sind jedoch trans-oder multinational. Ihre Aufrechterhaltung impliziert nicht dieDominierung eines Landes über ein anderes, sondern eine internationale Situation, die ihr erlaubt,sich weltweit zu entwickeln. Ihr objektives und erklärtes Ziel ist ein Gleichgewicht der Kräfte. Es istnicht im Interesse des Vatikans, dass ein Land (auch nicht ein Christenfreundliches Land wie die USA) die Vorherrschaft hat. Pius XII. mochte weder Hitler noch Stalin, aber er wusste, dass er bei der Eroberung Europas durch die Rote Armee viel mehr zu verlieren gehabt hätte als durch die Wehrmacht. Und so exkommunizierte er alle Kommunisten in einem Abwasch und dachte nicht einmal daran, die Nazis ebenso zu behandeln. Das Gleichgewicht der Kräfte ist zur Außenpolitik der meistenwestlichen Parteien und aller Parteien Europas geworden, da es Europa an politischer Einheit mangelt und dadurch zu keiner Vorherrschaft kommen kann.Das gewaltfreie Prinzip trifft auch innerhalb jeden Landes zu und fügt sich mit unverblümter Unterdrückung zusammen, um Rebellionen zu neutralisieren. Die Menschen anzuhalten, sich während einer gewalttätigen Demonstration zu beruhigen, ist genauso wie Steinwerfern mit einer bis zu den Zähnen bewaffneten Bereitschaftspolizei zu begegnen. Wer Streikende, die einen unvermeidlich illegalen Sitzstreik organisieren mit dem Risiko, mit der Polizei aneinander zu geraten(eine Möglichkeit, welche Streikenden üblicherweise bewusst ist), bittet, zu einem friedlichen, harmlosen „Arbeitskampf" zurückzukehren, fordert sie dazu auf, ihre wirkungsvollste Waffe niederzulegen: Die Okkupation des Arbeitsmarktes. Viele Dinge können ohne oder mit wenig Gewalterreicht werden, Gewaltlosigkeit als Prinzip blockiert jedoch den Weg zu Autonomie und Emanzipation. 1955, als die französische Armee Algerien besetzte und keine Absichten zeigte, denNicht-Europäern in dieser Kolonie ein wenig Demokratie oder Autonomie zuzugestehen, konnte„Frieden in Algerien" nur die Beibehaltung des Kolonialstatus bedeuten. Heute bedeutet „das Ende derGewalt in Palästina" die Fortsetzung der Enteignung der Palästinenser. Ziviler Frieden, genauso wiesozialer Frieden, nützen dem Stärkeren. Konfrontation systematisch zu verhindern, führt zu sozialerAkzeptanz. Die tatsächliche Frage ist die der Art der Gewalt: Araber als Araber und Juden als Judenzu töten führt die Palästinenser und Israelis weiter weg von einer menschlichen (revolutionären)Lösung des Konflikts.Es ist nicht unbedeutend, dass die Karikatur, die die Fundamentalisten am meisten in Rage brachteund westliches Bewusstsein beschämte, diejenige war, die auf nackte Gewalt und Waffen anspielte,indem sie Mohammeds Turban zu einer Bombe werden ließ. Die Karikatur, die die Rolle des Mannes und der Frau darstellte, führte zu weniger Kommentaren. In ihr bittet der Prophet tote Märtyrer am Torzu warten, da er zu wenig Jungfrauen hat. Dies lässt den muslimischen Himmel als Freudenhaus erscheinen. Allah ist der Besitzer, Mohammed der Manager, Frauen die Sexobjekte und Männer ihrKlientel. Ein Bild, das so all-gegenwärtig ist, dass es kaum wahrgenommen wurde. Es ist die Gewalt,die Angst macht und beeindruckt.

Religion als Kritik am Kapitalismus

1864 (als die 1. Internationale gegründet wurde) war eine unverhohlen reaktionäre Zeit, als das Programm Pius des IX. Sozialismus, Rationalismus und Liberalismus anprangerte. Anderthalb Jahrhunderte später, lehrten herrschende Ideologien in Madrid und Chicago (nicht jedoch in Kuwaitund Singapur) Autonomie und Unterwerfung. Einerseits ist das Opium der Konsumtempel genausodurchdringend wie das der Religion, andererseits fordert dominante politische Ideologie (wie nennenes nicht Realität) die Ermächtigung des Volkes, Selbsteinschränkung, zukunfts-taugliches Wachstum,erneuerbare Energien, das Prinzip der Vorsicht, fairer Handel, mit einem Wort: Demokratie.Im Westen bleibt die Religion sozial, nicht im Sinne des alten „sozialen Katholizismus", sondern indemsie sich als Allheilmittel gegen kaufmännische Unvollkommenheit und Entfremdung präsentiert. Sierichtet das Argument, dass einst gegen sie verwendet wurde, zurück an die moderne Welt. Materialisten würden sagen, dass der Mensch sich selbst mit der Erschaffung Gottes verloren hat. DieReligion erklärt nun, dass der Mensch sich ohne Gott im Wirbelwind der Objekte, von denen erglaubte, dass sie ihn befreien würden, verliert. Nur durch Gott kann der schnöde Mammon in Schachgehalten werden. Dem Glauben wurde vorgeworfen, die Seele vom Körper zu trennen. Er erwidertjedoch scharf, dass die Modernität das Spirituelle vom Materiellen trennt, den Mensch von seinenMitmenschen abschneidet, und dass nur eine spirituelle Annäherung das Individuum zurück zu seinerkollektiven Dimension bringen kann. Der Zusammenbruch der emanzipatorischen Bemühungen machtes der Religion möglich, kapitalistische Freiheit zu kritisieren. Im Westen ist das Zeitalter, in dem derGemeindepfarrer gegen die Unterdrückung durch den Großgrundbesitzer und die Fabrikbesitzer predigte, längst Vergangenheit. Religiöse Widerstandsfähigkeit wäre ohne einen Anspruch und etwasGlaubwürdigkeit, eine Gemeinschaft auf einem weit höheren Niveau als dem der Familie, der Arbeit,der Nachbarschaft, der Kultur, des Sports oder sogar der Politik zu verkörpern, unmöglich. Keine Kirche entwickelt sich, ohne einen Mangel an Besitz und an Identität auszunutzen. Religion ist derIdealismus einer materialistischen Gesellschaft.

Wenn der Kapitalismus sichSelbst nicht mehr erkennt

Je mehr die kapitalistische Kultur ihren Halt in den alten industriellen Ländern festigt und sich über denGlobus verteilt, ohne dass ihre Wurzeln angegriffen werden, desto weniger fordert sie den Geist der

Prinzipien, durch die sie sich selbst hervorbrachte. Wenn König und Kirche den Bankern und Geschäftsleuten im Weg standen, wurden im Namen der Demokratie und der Freiheit Prinzen enthauptet und Priester ins Gefängnis geschickt. Jetzt, da Teile der Welt sich gegen den kapitalistischen Fortschritt stellen, kommen die großen bürgerlichen Kräfte mit einem Olivenzweig zuden Imams. Diese nicht feindliche Annäherung kann nicht einfach durch die Notwendigkeit, „gemäßigte" Moslems zu besänftigen und Widerstand gegenüber den Extremisten zu verbreiten, erklärt werden. Das Deutschland unter Bismarck, die frühen Jahre der dritten Republik Frankreichs und die italienischeMonarchie nach der Vereinigung des Landes brauchten auch Verbündete. Dies hielt sie jedoch nichtdavon ab, lange Konfrontationen mit der Kirche, mit dem Risiko die Katholiken für eine Weile abzuschrecken, einzugehen. Wenn religiöse Freiheit mit politischer Freiheit, die wiederum für einewirtschaftliche Freiheit wichtig war, zu kollidieren drohte, schnitten sich bürgerliche Politiker kurzerhand ins Fleisch und setzten dem Vordringen des Klerus ein Ende.Wenn die aktuellen westlichen Eliten, besonders in Amerika, das Judenchristentum für definitiv kompatibler mit Wirtschaftsliberalismus und Marktkräften als den Islam hält, warum versucht mannicht, es zu fördern oder wenigstens auf Kosten einer Religion, die angeblich so unpassend für dieModernität ist, zu verteidigen? Warum sich in Afghanistan, in Palästina, im Irak mit rückständigenLehren abfinden, die als Hindernisse auf dem Weg zum Parlamentarismus und einer wesentlichenStabilisierung der westlichen Interessen beschrieben werden? Es ist widersprüchlich, Wahlverfahrenschmerzhaft einzuführen, die auf dem Prinzip der individuellen Freiheit basieren, und Konzepte undInstitutionen zu tolerieren, die ganz offen einen freien Willen ablehnen. Imperialismus bringt nichtmehr, wie in der Vergangenheit, einen bürgerlichen oder „sozialistischen" Fortschritt mit sich.Ein essentieller Grund für die aktuelle Mäßigung in Hinblick auf „archaisches" Drängen ist, dass dieGesellschaft in Zweifeln über sich selbst lebt. Sie wird im Wirbel der technischen Meisterwerke mitgerissen und glaubt an nichts mehr außer der Unvermeidbarkeit ihrer eigenen Bewegung. Die Maschinerie gerät außer Kontrolle und niemand weiß mehr, wie man sie verlangsamt. Der Kapitalismus wurde für nutzbringend gehalten, nun hält man ihn für irreversibel. Der Konflikt Glaubegegen Vernunft, welcher zum Aufstieg des Bürgertums und zur Dynamik des Europa der Renaissancebis ins 19. Jahrhundert seinen Teil betrug, wurde als lähmende Mischung abgetan, in der die Vernunftden Glauben anerkennt, ohne zuvor sich selbst zu definieren. Wir erleben, was Karl Kraus in den 1930ern vorausgesagt hatte: Das Zeitalter eines fait accompli, eines Systems, welches sich selbst nicht rechtfertigt, indem es sagt: „Was ich tue, ist gut.", sondern „Ich bin". Doch es ist nicht ausreichend für ein soziales System (wie weitreichend und intensiv es auch sein mag), einfach nur zuexistieren. Selbstaufrechterhaltung ist keine historische Perspektive. Das Jetzt zu glorifizieren, machtkeine Gesellschaft aus, auch wenn das Jetzt mit Versprechungen einer glänzenden technologischenZukunft daherkommt. Eigentlich erwartet ein Verteidiger der Genforschung oder der Erkundung des Weltraums nicht, dassdiese Wunder zu besseren sozialen Umständen führen, denen er skeptisch oder pessimistischgegenüber steht. Selbst wer enthusiastisch an die medizinischen Errungenschaften glaubt, kann nichtignorieren, wie die Verbreitung von Aids, besonders in Afrika, von sozialen Ursachen abhängt, welcheselbst die beste Therapie nutzlos machen. Er weiß außerdem, welche Rolle verbesserte sanitäre Anlagen bei der Ausrottung von Tuberkulose spielen und dass die aktuelle Fäule städtischen Lebenszu dem Wiederausbruch dieser Krankheit unter armen Westeuropäern führt.Die realitätsferne Sucht nach neuen Technologien und digitalisieren Welten ersetzt unsere Unfähigkeit, unser wirkliches Leben zu verstehen und sich nach ihm zu richten. Anders als 1850 oder1900 (oder sogar 1950) gibt es eine Kluft zwischen wissenschaftlich-technischen Erwartungen undhistorischen Hoffnungen. Der Kapitalismus hat keine vereinende Ideologie mehr.Aktuelle Beschwichtigungspolitik zeigt in Hinblick auf religiösen Radikalismus, wie die so starke kapitalistische Gesellschaft, so etabliert und so wenig hinterfragt, den Gruppen, für die das Heiligekeine hohle Phrase ist, hilflos gegenüber steht. Dieses System ist ultra-mächtig, seine Waffen ohneKonkurrenz, seine staatskapitalistische Variante besiegt. Es betrachtet sich selbst als friedlich und ungerecht von Fanatikern angegriffen, aber es wird unter universeller Selbsterkenntnis und Perspektive ganz klein. Eine lauthals angekündigte christliche US-Regierung kämpft mit Raketen undDollars gegen die irakischen Aufständischen und lässt ihren Glauben zurück. Ganz so, als ob Anti-Amerikanismus nichts mit den Grundlagen des Islam, wie sie heute von manchen Moslems interpretiert werden, zu tun hätte. Bush spricht viel von Gott und respektiert den Gott, der die Mörderseiner Soldaten inspiriert. Die Angreifer des Irak bestehen auf parlamentarische Demokratie und Marktwirtschaft, welche beide momentan wenig oder keine Bedeutung in Bagdad haben, aber vollkommen unsicher bleiben, soweit es eine über-greifende Ideologie betrifft. Sie veröffentlichen Tausende von Büchern, die den freien Unternehmergeist anpreisen und gehen nicht so weit, dieGültigkeit islamischer Traditionen zu diskutieren.

Die Globalisierung produziert nicht automatisch ihre Ideologie. Klassen und Individuen brauchen Zeitum ihre Haltung herauszufinden. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts kam nicht durch isolierteIndividuen zustande. Die Landflucht fand mit einer Fülle von Vereinen, Bruderschaften, und Verbindungen statt. Die Bretonen brauchten Jahrzehnte, um sich selbst als Franzosen zu sehen. Wenn altbewährte Umstände zerstört werden, ohne durch positive neue ersetzt zu werden, findet einsozialer Bruch statt, der auch auf die herrschende Klasse zerstörend wirkt. Alte Ideologien auseinander zu brechen und sie nur mit der Verehrung des Neuen zu ersetzen, festigt eine Gesellschaft kaum. Diese Schwäche gab dem Schock des 11. September eine solche Bedeutung. Die USA beherrschendie Welt, werden ohne zu wissen warum angegriffen und denken den Feind loszuwerden, indem sieihn in seinem Bau jagen. Doch dann wechselt der Bau und so wechselt das Ziel. Gestern Kabul, heuteBagdad, ein bisschen Teheran oder anderes morgen: Wenn sich etwas als falsch erweist, einfach dasTerrain wechseln.

Weder Jesus noch Prometheus

Als Nietzsche sagte „Gott ist tot", erhoffte er sich einen Menschen, der an sich selbst glauben würde -vorausgesetzt dieses „Selbst" ist über seinem eigenen unvollständigen Selbst. Der Philosoph war sichüber das Kommen einer Gesellschaft, die an nichts glauben würde und nichts anhängen würde,bewusst. Trotz seiner historischen Vision, die moralisch und poetisch war, und kaum politisch odersozial, sah der Autor von Zarathustra in dieser Angelegenheit vielleicht klarer als viele Marxisten mitihrer Doppelgleichung:

Kapitalistische Entwicklung = religiöser Rückgang = Entstehung einer proletarischen(also menschlichen) Gemeinschaft

Das Bürgertum kritisierte Religion im Namen des Fortschritts, und die Arbeiterbewegung folgte seinemBeispiel. Sogar als sie vor einem radikalen Bruch statt einer schrittweisen Evolution standen, stellten sich fast alle Sozialisten und die Mehrheit der Anarchisten eine Revolution vor, die die Industrie ausweiten würde, die Natur bezwingen würde und immer mehr an Quantität und Qualität für das Wohlaller produzieren würde. Keine Paläste und kein Luxus mehr für einige wenige, sondern Reichtum fürdie Masse. Gegen Jesus als Propheten der universellen Liebe, die rein spirituell und außerhalb dieserWelt gelebt werden konnte, stach Prometheus als wahrer sozialistischer Held hervor. Er überlistete dieGötter, stahl Feuer vom Wagen der Sonne und brachte es auf die Erde. Der Mensch steht auch beider Erfindung vieler Künste in seiner Schuld: dem Gebrauch von Pflanzen, der Zähmung von Tieren,der Bebauung der Erde... Bis heute benennen sich viele sozialistische und anarchistische Zeitungennach Prometheus um diese Figur zu verehren, der der Mensch so viele Möglichkeiten verdankt, umwirklich menschlich zu werden, indem er seine Umwelt in etwas verwandelt, mit dem er umgehenkann. Das Kapital indes kann es sich heutzutage nicht mehr leisten, die Natur wie eine unendliche, ausbeutbare Masse zu behandeln. Die Geschäftswelt muss sich um erneuerbare Energien,biologische Vielfalt, den Klimawechsel und das Bewahren von Ressourcen kümmern. Die Natur wirdnicht mehr als eine unerschöpfliche Reserve gesehen, aber als ein gemeinsames Gut, das mitVorsicht behandelt werden muss. Was 1900 nicht in die Bilanz musste (der Abbau der Ressourcen,die Erschöpfung der Arbeiter, die Knappheit frischen Wassers, die durch ausufernde Städte verursachte Zerstörung, Krankheiten, die durch Verschmutzung ausgelöst werden, das Austrocknender Flüsse und Meere, die Verwandlung von fruchtbarem Land in dust bowls...), muss heute zu denKosten dazu gerechnet, gemessen, gemanagt und reduziert werden, sonst wird das Kapital die Gansmit dem goldenen Ei und ihren Wert töten. Heutzutage verehrt niemand den Fortschritt wie im 19.Jahrhundert. Unnachgiebiges technologisches Streben, wie in der Genforschung, der Nanotechnologie, der universellen Digitalisierung usw., kommen zusammen mit einer Forderung nach Grenzen: Lasst unsvernünftig sein, lasst uns Mülltrennung betreiben, lasst uns mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, lasstuns Bio-Müsli statt Rindersteaks essen, denn der Übeltäter, der letztendlich Verantwortliche für den ganzen Müll ist niemand anders als du und ich! Das Ende ist nah! Tue Buße!Um ehrlich zu sein, sind in einer solchen Analyse mache gleicher als andere, und zwei Kategorien passen nur schwer in die Kategorien des du und ich. An der Spitze die Superreichen, diese egoistische Minderheit, die Rolls Royce fährt und die weder die Armut vieler noch unsere gemeinsameZukunft großartig kümmert. Und ganz unten, traurig genug, der große Anteil der westlichen Arbeiterklasse, die süchtig nach Fernsehen, starkem Rauchen, rotem Fleisch, Autos und anderenSymbolen der Konsumgesellschaft ist, genauso wie sie allzu oft bei sexistischen, homophoben undrassistischen Vorurteilen stehen bleibt. Das Beste wäre demnach eine Gesellschaft, die von der aufgeklärten, gebildeten Mittelschicht, Lehrern, Sozialarbeitern und Künstlern usw. regiert wird. VonPhilip Roth treffend als „the limit loving class" bezeichnet. Leider bleibt diese Schicht, trotz Millionenvon Aussagen, dass eine solche Klasse mittlerweile die soziologische Mehrheit in Europa, Japan undNordamerika sei, doch recht mittelmäßig, und zudem zu gering in der Anzahl und sozialem Einfluss.So regiert weiterhin das große Geschäft und so ist kapitalistische Logik unbegrenzt. Dass dieses System überproduziert und überkonsumiert, liegt nicht daran, dass einige Topmanager sich eineeigene Insel bei Dubai wünschen. Überinvestition, Überansammlung und Überproduktion mit der fixenIdee eines Käufers am Ende der Kette kommt von der Notwendigkeit jeder Firma, billiger zu produzieren und zu verkaufen als ihre Konkurrenten. Jedes Kapital tendiert dazu, von seinen eigenenInteressen bestimmt zu werden und kann weder eine exzessive Produktion noch unverkauften Vorrat verhindern. Kapitalismus als Ganzes kann letztendlich sich selbst nur durch eine zerstörerische Kriseregulieren, eine „kreative Destruktion". Das System produziert regelmäßig zu viele Fabriken, Dinge,finanzielle Produkte, auch zu viele Arbeiter im Verhältnis zu ihrer möglichen Verwertung auf demMarkt, zu kreditwürdige Nachfrage, zu sozial erwartetem Profit. Diese Logik funktionierte seinerzeit,als Millionen der T-Modelle aus den Fordwerken kamen, und im Zeitalter der Millionen von Laptopsfunktioniert sie immer noch. Das Kapital übertreibt, und nur Krisen und Krieg können es zurück in einGleichgewicht zwingen.Gegen solche Exzesse auf Seiten der Industrie und des Konsums und gegen die oft beschriebenenErwartungen an wissenschaftliche Errungenschaften ist es nur zu einfach für die Religion, die Eitelkeitdes menschlichen Stolzes zu betonen. War es nicht Pandora (nach Hesion die erste sterbliche Frau),Prometheus' Schwägerin, die diese wundervolle Schachtel öffnete, welche eine Menge Böses undLaunisches enthielt, was seitdem nicht mehr aufhörte, uns heimzusuchen? (Die Sündenfall ist nichtder einzige Mythos, der die eigentliche Schuld bei den Frauen sucht.)Wenn die Religion behauptet, die menschliche Gemeinschaft sei auf Erden unmöglich, stellt sie sichohne Zweifel unserer Emanzipation entgegen. Doch der religiöse Geist ist auch in der Idee einerunbegrenzten Ausweitung menschlicher Handlungen und Fähigkeiten präsent, denn dies ist nichtsanderes als an Wunder, wenn auch wissenschaftliche, zu glauben. Die Unfähigkeit, unseren Zustandwirklich zu verändern, führte zu einem Traum, in dem wir der Wirklichkeit wie durch ein Wunder entfliehen. In diesem Fall wäre das Wunder technisch statt heilig, von Menschenhand statt von Gott,dennoch wäre es immer noch ein Wunder, da es außerhalb unserer realen Beziehungen und nurdurch Wissenschaft und künstlich Erschaffenes entstand. Die zugrunde liegende Idee ist die Vorherrschaft der technischen Vernunft über die unvermeidlich un-ausgewogenen und falschen Beziehungen, wie sie Menschen untereinander pflegen. Wenn die Geschichte nicht verändert werdenkann, ist es verführerisch, nach einem Weg aus ihr heraus zu trachten. Der religiöse Geist stellt sichein Jenseits völlig fern dieser Welt vor. Wer an die Wissenschaft glaubt, stellt sich eine industrielle,mechanische, biologische oder digitale Revolution vor, die die soziale Revolution ersetzt, welche erwiederum für un-möglich hält oder welche in einer „marxistischen" Version die Umstände herstellenwürden, die eine solche Revolution ermöglichen würden (oder unmöglich machen würden).Soziale Kritik ist nur dann gültig, wenn sie gleichzeitig die reaktionärsten und die fortschrittlichstenAspekte einer Gesellschaft anspricht.Wir können unsere Inspiration durch Prometheus nicht gegen Jesus richten. Feuer zu stehlen ist nicht unser Ding, wenn die Funken die Welt in Flammen setzen. Ohne eine gleichzeitige Kritik am Fortschritt und an einer zeitgenössischen Kritik am Kapitalismus ist jede revolutionäre Perspektiveohne Bedeutung.Gott zu „entlarven" ist nur relevant, wenn es das Entlarven eines jeden Gottes einschließt, einesgottgleichen Mannes, der das Universum steuert oder der Natur als neuen Gott, ob der Mensch nunihr Herrscher oder ihr Diener ist..

Welche Universalität?

Als die Arbeiterbewegung anti-kirchliche Pamphlete veröffentlichte und atheistische Reden schwang,betrachtete sie sich selbst als von Religion befreit. Dennoch war ihr Verhalten tief religiös.Sozialdemokraten verhielten sich wie Offenbarer, die ihre Herde Stück für Stück in ein gelobtes Landführten, dessen Überfluss durch Arbeit entsteht. Stalinismus zwang die Masse noch viel drastischer,ihr Jetzt für eine Zukunft auf Erden zu opfern. Die engagierte militante Einstellung forderte von einemParteimitglied wie von einem Soldaten, sich selbst zugunsten eines Platzes in der proletarischenGemeinschaft aufzugeben. Von den Revolutionären sagten eine ganze Menge die Apokalypse des finalen Zusammenbruchs des Kapitalismus voraus. Sozialisten (und später Kommunisten) und (ingeringerem Maße) Anarchisten waren oft praktisch genauso religiös wie der Rest der Bevölkerung.Die kapitalistische Evolution löst vorkapitalistische Realitäten wie Familie, Religion, Vaterland, sexuelle Rollen etc. nicht auf. Der Humanist des 19. Jahrhunderts dachte oft, dass intellektueller und wirtschaftlicher Fortschritt die Priester überflüssig machen würden. Er verstand die Tatsache nicht,dass Fortschritt aus so vielen Widersprüchen besteht, die ihn davon abhalten, die grundlegendenBedürfnisse für Brüderlichkeit, für die Überwindung des Selbst, für ein bisschen Absolutheit zu erfüllen. „Wir können nicht nur das sein..."De Sade wünschte sich, dass sein Körper anonym von der Erde aufgenommen werden würde und dass jegliche Erinnerung an ihn aus dem menschlichen Gedächtnis verschwinden würde, aber er häufte veröffentlichte Werke und Manuskripte an, von denener ernsthaft erwarten konnte, dass sie ihn überleben würden, ob die Nachwelt sich nun an seinen Namen erinnern kann oder nicht. Glaube basiert auf dem Wunsch nach allgemeiner Gültigkeit.Es ist die Unfähigkeit der Menschen oder genauer der modernen Proletarier, sich von Ausbeutungund Elend zu befreien, Gemetzel in Verdun und in manchen Gräben von Somme, in Auschwitz und Hiroshima zu verhindern, die Unfähigkeit zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, sodassInterpretationen von Geschichte als etwas Unvermeidliches und Unbeeinflussbares erscheinen. So brillant sie auch sein mögen, können weder die sozialen Wissenschaften noch die Naturwissenschaften Analysen anbieten, die nicht innerhalb des Untersuchungsobjektes bleiben: DieWissenschaft erklärt uns immer wieder, wie etwas geschieht, die Religion sagt uns, warum etwas geschieht, was in modernen Religionen noch nicht einmal dem wie widerspricht und in einer Welt mitrationalen Erklärungen Seite an Seite existiert. Religion setzt das Objekt (unsere Leben, das Unglückder Geschichte des Menschen) mit einem Grund in Verbindung, der außerhalb unserer Reichweiteliegt. Dort liegen ihre Stärke und ihr Sinn: Sie führt uns aus dieser greifbaren Welt und entkommt einerWiderlegung. Religiöser Mythos lebt vom historischen Scheitern.Die Hartnäckigkeit oder Wiederentdeckung religiöser Unterschiede so wie auch die Pflicht, eingeschlossene Identitäten in westlichen Demokratien zu respektieren, bleiben scheinbar Zeicheneines unergründlichen Phänomens. Immer wenn sie vereinter denn je aussieht, ist die kapitalistischeKultur umso zerschlagener. Ein weiteres Zeichen wäre die paradoxe Koexistenz von verkündetemIndividualismus mit der Sucht nach permanenter Kommunikation: Ein jeder will unabhängig sein undalles allein entscheiden, muss aber ständig in Verbindung sein und ständig mit allem und jedemverbunden werden. Das parallele Wachstum von globalisierter Wirtschaft und ethnisch-religiöserKluften deutet auf eine Versteinerung der Gesellschaft hin. Soziale Rangordnung wird nicht in Fragegestellt, aber durch ein Durcheinander und Auseinanderbrechen zerklüftet. In den alten, kapitalistischen Metropolen sind es oft die Kinder der Einwanderer, die vom Fundamentalismus verführt werden, von dem ihre Eltern sich weg bewegten. Es ist ebenso bedeutend, dass eine Gesellschaft davor zurückscheut archaische Standards, durch die sie verurteilt wird, zu kritisieren. Seit wir begonnen haben, diesen Essay zu schreiben, gibt es einen weiteren Staat in Europa:Montenegro. Doch der Balkan ist nicht die einzige Region, in der sozialwirtschaftliche Globalisierungmit einer politisch-kulturellen Balkanisierung einhergeht. Das „Globale Dorf" sieht aus wie ein Wohnblock, in dem Sprachen und Sitten Seite an Seite leben und miteinander kommunizieren, während sie trotzdem getrennt bleiben. Was erleben denn nun ein flämischer und ein wallonischerProletarier gemeinsam in Belgien? Für eine neu ent-stehende Gemeinschaft reichen die Umständenicht aus. Das Teilen muss real werden und durch gemeinsames Handeln und Anstrengung Formannehmen. Zwischen dem individuellen (und familiären) konkretem Niveau und dem allgemeinen,politischen oder religiösen, abstrakten Niveau entsteht momentan nicht viel ohne die kommunistischeKritik. Die Suche nach etwas Heiligem ist die unvermeidbare Folge kaufmännischer Entweihung.Kapitalistische Undifferenziertheit erzeugt eingeschlossene Identitäten -Exzesse, die die Demokratieentschädigen muss.Bis heute hat der Kommunismus es jedoch nicht geschafft, als eine universelle Perspektive sozial zu existieren. Als etwas, was dem verinnerlichten Bedürfnis nach Konsum und der Transzendenz der Religion etwas entgegensetzen konnte. Es wird keine Revolution geben, ohne dass diese Angelegenheiten geklärt werden, und das wird kaum allein von der weltweiten Ausbreitung desKapitalismus abhängen, welcher nur den Rahmen für unsere gegenwärtigen Anstrengungen stellt.

Paris, Juni 2006

 

Editorische Anmerkung:

Dieser Aufsatz erschien zuerst unter dem Titel „Le Présent d'une illusion" als Zirkular in französischer Sprache im Juni 2006 im „La Lettre de Troploin, Nr. 7". Bald darauf veröffentlichten „Troploin" auf deren Homepage eine englische Übersetzung in einer etwas abgewandelten, und vor allem kompakteren Form unter dem Titel „The continuing appeal of religion". Wir haben uns beim Vergleichder beiden Texte schließlich dafür entschieden, uns an die englische Version zu halten, da sie uns ineinigen Punkten verständlicher schien, und unseren Möglichkeiten der Wiedergabe mehr entsprach.Zur englischen Version wurde vom Herausgeber folgende Notiz angefügt:Dies ist eine veränderte Version eines in zunächst französischer Sprache veröffentlichten Essays.Einige Passagen wurden ausgelassen, andere hinzugefügt und neu arrangiert. Es wurden neue Abschnitte geschaffen. Ein Anhang der französischen Version, die aus der „Judenfrage" zitiert, wurdevon uns in eine eigene Sektion umgewandelt. Auch mit dem Risiko als engstirnige Marxisten zugelten, empfehlen wir zusätzlich, den ersten Teil der „Deutschen Ideologie" zu lesen.